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Religiosität und Zugehörigkeit. Junge Muslime in Deutschland

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Junge religiöse Muslime leben ihre Religion häufig anders als ihre Eltern. Ihr Festhalten an Ritualen gilt als demonstrative Bestätigung der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Muslime. Gleichwohl sehen sich muslimische Jugendliche und junge Erwachsene oft ausdrücklich als Teil der deutschen Gesellschaft, auch weil sie sich mit der Heimat ihrer Eltern wenig verbunden fühlen.

von Götz Nordbruch

Der Name ist Programm: Muslim - The Next Generation. Das Online-Projekt, das im Januar von einer Gruppe junger deutscher Muslime gestartet wurde, steht unter dem Motto "Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir? Jetzt sprechen wir!" (muslim-generation.de). In den vergangenen Jahren sind eine ganze Reihe ähnlicher Initiativen von zumeist sehr religiösen muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gestartet worden. Die Online-Community myumma.de oder das Online-Forum misawa.de sind vergleichbare deutschsprachige Angebote, in denen sich eine wachsende Zahl junger religiöser Muslime austauscht.

Die Popularität dieser Angebote beschränkt sich nicht auf das Internet. Im Verständnis der Initiatoren sind sie auch Anregung für gemeinsame Aktivitäten außerhalb des World Wide Web. Online- und Offline-Realitäten gehen hier ineinander über, wobei die Organisation gemeinsamer Veranstaltungen, der Austausch von Informationen oder Absprachen für die gemeinsame Teilnahme an Seminaren im Mittelpunkt stehen. Schließlich gehört die Dawa - die "Einladung zum Islam" - ebenso zum Selbstverständnis vieler Jugendlicher wie die Ausrichtung des eigenen Alltags an den Regeln des Islam.

Junge Muslime, die sich explizit und selbstbewusst zu ihrer Religion bekennen, haben an der neuen Sichtbarkeit des Islam in Deutschland einen großen Anteil. Ob beim "Tag der offenen Moschee", auf Diskussionsveranstaltungen zu den Themen Islam und Migration, oder in den neuen Medien - oft sind es gerade junge Muslime, die den Kontakt zur Öffentlichkeit suchen. Im Mittelpunkt steht dabei der Wunsch, den Islam als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft zu etablieren. Vereine wie die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) (siehe Seite 7), die Lifemakers oder die Lichtjugend, die in vielen Städten auch mit nicht-islamischen Akteuren zusammenarbeiten, haben sich in vielen Orten als Alternativen zu den traditionellen Moscheevereinen und den großen Islam-Verbänden etabliert. Es sind nicht die Mitgliederzahlen, die die Bedeutung dieser Initiativen ausmachen. Von den 3,8 bis 4,3 Millionen in Deutschland lebenden Muslimen beteiligt sich nur eine kleine Minderheit an den Aktivitäten dieser Vereine. Nur selten sind es mehr als einige Dutzend Personen, die formal als Mitglieder registriert sind. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit, die sich an Muslime wie an Nicht-Muslime richtet, erreichen sie allerdings ein Publikum, das weit über den Mitgliederkreis hinausgeht.

Dies haben auch die traditionellen islamischen Organisationen erkannt: Verbände wie der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) oder die Islamische Gemeinschaft Milli Görü? (IGMG) haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt um einen modernen Auftritt bemüht, mit dem sie auch junge Muslime der zweiten und dritten Generation ansprechen wollen. So gehören das Multimedia-Portal waymo.de und das Online-TV-Angebot sogesehen.tv zu den Projekten, mit denen der ZMD gezielt auf jüngere Muslime zugeht. Dabei geht es den Verbänden auch darum, ihren Einfluss auf die Auslegung der islamischen Lehre und religiöser Praktiken zu bewahren. Denn die neuen Initiativen junger religiöser Muslime akzeptieren nicht mehr unhinterfragt die Deutungshoheit etablierter religiöser Autoritäten und deren Vertretungsanspruch gegenüber der nicht-islamischen Öffentlichkeit.

Rückehr zum Islam - oder neue Religiosität?

Die große Bedeutung des Islam für junge Muslime wird von vielen Studien bestätigt, die in den vergangenen Jahren unter Muslimen in Deutschland durchgeführt wurden. Laut einer Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung von 2008 findet sich unter den 18- bis 29-Jährigen ein besonders großer Anteil "hochreligiöser" Muslime. Mit 41% ist ihr Anteil in dieser Altersgruppe am größten (Bertelsmann- Stiftung, Religionsmonitor 2008. Muslimische Religiosität in Deutschland). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Umfrage des Zentrums für Türkeistudien, die Ende 2008 unter türkischstämmigen Muslimen durchgeführt wurde. Knapp 75% der 18-bis 29-Jährigen beschreiben sich hier als "eher" oder "sehr religiös", während sich nur knapp 60% der 45- bis 59-Jährigen entsprechend äußern (Zentrum für Türkeistudien, Türkeistämmige Migranten in Nordrhein-Westfalen und in Deutschland).

Dabei gibt es durchaus generationsbedingte Unterschiede, wie religiöse Muslime ihre Religion leben. Junge Muslime, die etwa in Duisburg oder Berlin aufgewachsen sind, teilen nicht zwangsläufig die Vorstellungen und Traditionen, mit denen ihre Eltern oder Großeltern in der Türkei oder dem Libanon groß geworden sind. Anders als in den Herkunftsländern der Eltern- und Großelterngeneration, in denen die Zugehörigkeit zur islamischen Gemeinschaft als selbstverständlich galt, haben junge Muslime in der nicht-islamischen deutschen Umwelt oft das Bedürfnis, ihre religiöse Identität und ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Muslime herauszustellen - und demonstrativ durch Rituale und Symboliken zu bekunden. Rituale wie das Fasten, das Einhalten der Gebete oder das Tragen des Kopftuchs gewinnen damit auch eine identitätspolitische Bedeutung: Gerade die nach außen demonstrierte Orientierung an Speisegesetzen und die strenge Unterscheidung zwischen islamisch Zulässigem ("halal") oder Unzulässigem ("haram") dient der Identifikation mit der Gemeinschaft - und der Abgrenzung gegenüber Nicht-Muslimen. Das zeigt sich zum Beispiel in der Einhaltung des Verbots von Alkohol und Schweinefleisch, das viele junge Muslime sehr ernst nehmen (Religionsmonitor).

In diesem Zusammenhang steht auch das Phänomen der "Neo-Muslimas" oder der "New-born-Muslims". Dabei handelt es sich um Jugendliche, die von ihren Eltern nicht religiös erzogen wurden und in deren Leben Religion lange keine Rolle spielte. Im jungen Erwachsenenalter wenden sich diese "wiedergeborenen Muslime" umso entschiedener dem Islam zu. Die betonte Orientierung an religiösen Werten und Geboten markiert für sie einen biografischen Bruch, mit dem eine neue Lebensphase eingeleitet wird. Für einige dieser Muslime steht die wiederentdeckte Religiosität auch für die Abwendung von einem Lebensstil, der geprägt war von Alkohol- und Drogenkonsum, sexueller Freizügigkeit oder auch von Kriminalität.

Auch der Wunsch nach Abgrenzung vom Elternhaus ist für viele ein Grund, sich der Religion zuzuwenden. Die Glaubenspraxis der Eltern, die oft mit sehr traditionellen Rollenvorstellungen einhergeht, erscheint vielen jungen Muslimen in Deutschland nicht mehr angemessen. Gerade für junge religiöse Musliminnen bietet das demonstrative Bekenntnis zum Islam die Möglichkeit, sich gegen patriarchalische Traditionen in der Familie zur Wehr zu setzen. Der Islam, so argumentieren sie gegenüber ihren Eltern, gebe ihnen zum Beispiel das Recht auf eine Ausbildung und ein Studium. Das gewissenhafte Tragen des Kopftuchs und die betonte Orientierung an religiösen Regeln kann für sie somit ein Mittel sein, Rechte und Freiheiten gegenüber den Eltern und Brüdern einzufordern. Als überzeugte muslimische Frau entwickeln sie ein standing, das ihnen "nur" als Frau mitunter verwehrt bleibt.

Auch gegenüber der nicht-islamischen Gesellschaft bestehen junge Muslime häufig auf ihrem Recht, ihre Religion nach eigenen Vorstellungen zu leben. Dabei birgt der betonte Bezug auf die eigene religiöse Gemeinschaft auch Konflikte. So dokumentiert die im Sommer 2007 veröffentlichte Studie "Muslime in Deutschland" die Verbreitung von Vorbehalten unter jungen Muslimen gegenüber der nicht-islamischen Gesellschaft. Bei 11,6% der befragten muslimischen Jugendlichen beobachten die Autoren eine hohe Distanz zur demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaftsform. 11,1% der Jugendlichen bringen politischreligiös motivierter Gewalt Verständnis entgegen (Bundesministerium des Innern, Muslime in Deutschland).

Problematisch ist auch das Festhalten an rigiden Vorstellungen über Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie die Ablehnung von sexuellen Orientierungen, die mit traditionellen Vorstellungen des Islam nicht im Einklang stehen. Die Diffamierung von Homosexualität als unislamisch oder das Beharren auf einer Trennung der Geschlechter in Schule und Freizeit sind Beispiele für entsprechende Einstellungen, die von vielen jungen Muslimen geteilt werden (Zum Verhältnis vom Religiosität und Homophobie unter Schülern mit türkischem Migrationshintergrund siehe Simon-Studie 2007).

Deutsch und Muslim - Religion und Zugehörigkeit

In der meist konservativen Auslegung und der konsequenten Einhaltung religiöser Gebote und Rituale spiegeln sich nicht nur individuelle Entscheidungen. So deuten Studien auch auf den gesellschaftlichen Kontext hin, durch den die individuelle religiöse Praxis beeinflusst wird. Eine 2009 in drei europäischen Ländern durchgeführte Gallup-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Bedeutung der Religion im Alltag der Muslime in Deutschland im Vergleich mit Großbritannien und Frankreich am größten ist: 82% der befragten deutschen Muslime beschreiben den Islam als wichtigen Teil ihres Alltages, während die Werte in Großbritannien (70%) und Frankreich (69%) deutlich niedriger ausfallen (Gallup Coexist Index 2009: Weltweite Studie interkonfessioneller Beziehungen).

Eindeutige Aussagen zum Zugehörigkeitsgefühl von Muslimen lassen sich nur schwer treffen. So geben zwar 59% der deutschen Muslime in der Gallup-Umfrage an, sich ihrer Glaubensgemeinschaft "äußerst" oder "sehr stark" verbunden zu fühlen, während nur 40% eine ähnliche Verbundenheit mit Deutschland empfinden. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ist diese Zahl allerdings beachtlich. Hier sind es lediglich 32%, die sich ebenso deutlich mit Deutschland identifizieren. Das heißt, die Identifikation mit Deutschland ist unter Muslimen stärker ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung. Dies spiegelt sich auch in dem Vertrauen, das den staatlichen Institutionen entgegengebracht wird. Während 73% der deutschen Muslime den Gerichten vertrauen, liegt die Zustimmung in der Gesamtbevölkerung mit 49% deutlich niedriger. 61% der Muslime bringen der deutschen Regierung Vertrauen entgegen - in der Gesamtbevölkerung sind dies nur 36% (Gallup Coexist Index 2009).

Das Engagement von Vereinen wie der Muslimischen Jugend in Deutschland oder von Initiativen wie dem Arbeitskreis Grüne MuslimInnen von Bündnis90/Die Grünen in Nordrhein-Westfalen sind Hinweise darauf, dass diese Identifikation mit Deutschland zunehmend auch mit dem Interesse einhergeht, sich als deutsche Muslime in Politik und Gesellschaft einzubringen. Das spiegelte sich zuletzt im Vorfeld der Europa- und Bundestagswahlen, als islamische Vereine unter Muslimen dafür warben, sich aktiv an politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen (siehe Sonderausgabe des Newsletters zur Bundestagswahl 2009, Wählen ist eine "Muslimpflicht"). Gerade junge Muslime übernehmen dabei eine Vorreiterrolle. So sind Initiativen wie die Lifemakers schon seit Längerem auch im ehrenamtlichen Bereich engagiert. Mit Aktionen zur Unterstützung von Obdachlosen oder im Gesundheitsbereich profilieren sie sich als gesellschaftliche Akteure, die auch in die nicht-islamische Gesellschaft hineinwirken. In mancher Hinsicht zeigt sich darin eine Parallele zu christlichen Strömungen. Nicht zufällig sehen sich diese Initiativen oft selbst als Pendant zu den Pfadfindern oder christlichen Organisationen, die einen religiösen Lebensstil mit dem Dienst an der Gesellschaft verbinden.

Die Selbstverständlichkeit, mit der diese jungen Muslime ihre Religiosität mit der Zugehörigkeit zur modernen Gesellschaft verbinden, ist auch ein Beispiel für die wachsende Normalität des Islam in Deutschland - wobei Normalität nicht gleichbedeutend ist mit Harmonie und Konfliktfreiheit. Konflikte sind Teil dieses Prozesses, dafür sorgt schon die strenge Auslegung religiöser Normen, die von vielen dieser Jugendlichen verfochten wird. Dennoch: Junge Muslime haben sich zunehmend als gleichberechtigte Akteure in politischen und sozialen Diskussionen etabliert. Ihr Drang in die Öffentlichkeit bietet ihnen auch die Chance, mittels offener Kritik und Widerspruch einen Beitrag zu mehr Transparenz zu leisten und das muslimische Selbstverständnis kritisch zu reflektieren.

 

(Dieser Text erschien in der Ausgabe 17-2010 des Newsletters "Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen".)