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Hischam Abul Ola (MJD): "Der Islam ist unsere Religion, Deutschland unsere Heimat"

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Die Muslimische Jugend in Deutschland (MJD) ist einer der aktivisten Vereine in der Jugendarbeit mit jungen Muslimen. Im Gespräch mit ufuq.de gibt der Vorsitzende des Vereins, Hischam Abul Ola, Auskunft über die Arbeit der MJD. Dabei geht er auch auf Kritik ein, die bisweilen gegenüber dem Verein erhoben wird.

Herr Abul Ola, die Muslimische Jugend in Deutschland veranstaltet regelmäßig Jugendcamps. In den Sommerferien kommen dort bis zu tausend junge deutsche Muslime zusammen. Was passiert in diesen Camps?

An diesen Freizeiten nehmen religiöse Jugendliche mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen aus ganz Deutschland teil. Sie verbringen hier gemeinsam Freizeit und tauschen sich aus – es geht um Themen wie Freundschaft, Eltern oder Schule und insbesondere auch um ihre Religion. Wir bieten dazu alle möglichen Workshops und Diskussionsrunden an. Wir informieren dabei über die Gründung von Jugendgruppen, wir zeigen Entspannungsübungen gegen Stress und Ängste, bieten Rhetorikkurse an. Oder es geht um "Integration und Partizipation aus muslimischer Sicht". Hier diskutieren wir anhand islamischer Quellen ein modernes Verständnis von der Pflicht, sich in der Gesellschaft zu engagieren.

Worum geht es dabei genau?


Zum einen um Glaubensinhalte, wir haben ja hauptsächlich mit religiösen jungen Leuten zu tun. Ein Schwerpunkt ist es dabei, sie in die Lage zu versetzen, sich in einem kritischen Diskurs selbst eine Meinung zu islamischen Themen zu bilden. Dann geht es um Themen, die insbesondere Muslime im Westen betreffen, also Fragen der Demokratie, den interreligiösen Dialog, Zwangsheirat, Terrorismus und Extremismus. Dazu kommen Fragen, die Migranten und Minderheiten angehen, wie Integration, Bildung, Interkulturalität und Identität. Meistens steht allerdings das Jugendliche im Vordergrund, also Workshops, in denen kreative oder musikalische Fähigkeiten gefördert werden – etwa Schreibwerkstätten, Radio- und Video Workshops, Folklore und Rap oder Theater. Insgesamt sollen die Angebote Jugendliche mit ihren Fähigkeiten fördern. Da gibt es keinen Unterschied zu anderen Jugendinitiativen. Außerdem haben wir in den letzten Jahren AGs mit Vertretern unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen angeboten. Zuletzt hatten wir Leute von Greenpeace, der Polizei und jüdischen Organisationen hier. Wir möchten auf diesem Weg zur Entwicklung einer deutsch-muslimischen Identität beitragen und die Jugendlichen zur gesellschaftlichen Partizipation motivieren.

Was ist das für Sie, eine "deutsch-muslimische Identität" und warum halten Sie diese für wichtig?

Sehr viele Jugendliche muslimischer Herkunft sehen sich zunächst gar nicht als Deutsche, sondern vor allem als Türken, Araber oder Bosnier. Aber die meisten von ihnen stehen irgendwann bewusst oder unbewusst vor Fragen: Wie weit bestimmt mich die Herkunft meiner Eltern in meinem Leben und in meinem Handeln? Welche Sitten und Bräuche der Mehrheitsgesellschaft habe ich mir angeeignet und begrüße sie auch in meinem Leben? Und dann kommt die Frage, wie diese Sitten und Normen mit meinem Islamverständnis zu vereinen sind…. Eine deutsch-muslimische Identität hilft, diese Fragen zu beantworten: Sie trägt dazu bei, scheinbare Widersprüche aufzulösen und sich eine individuelle Identität aus den verschiedenen Elementen zusammenbasteln. Dabei verstehen wir unter einer deutsch-muslimischen Identität, sich bewusst als deutscher Muslim zu sehen. Der Islam ist unsere Religion, Deutschland unsere Heimat, der wir uns verbunden und verpflichtet fühlen. Wir machen deutlich, dass es für uns keine Alternative hierzu gibt, weil wir genau das sind: Deutsche Muslime. Das ist das Land, in dem wir geboren sind, dessen Werte, Bräuche und Sprache wir kennen, wie keine anderen. Mit unserem Bewusstsein einer deutsch-muslimischen Identität sind wir hier den meisten Moscheevereinen ein paar Schritte voraus.

Und auf welche Weise versuchen Sie, den Jugendlichen das zu vermitteln?

Zunächst versuchen wir, den Ursachen für die generelle Haltung vieler Jugendlicher auf den Grund zu gehen. Das viele von ihnen sich den Heimatländern ihrer Eltern zumindest verbal verbundener fühlen, kommt ja nicht von ungefähr. Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen spielen hier eine entscheidende Rolle. Wenn man immer wieder gesagt bekommt und spürt, dass man hier als Ausländer gesehen und behandelt wird, weckt das ein Gefühl des Fremdseins. Wir versuchen diese Erfahrungen zu kompensieren – vor allem durch Reflexion und Diskussion, aber auch durch positive Vorbilder, die zeigen, wie sich Integration und Religiosität vereinen lassen. Das ermutigt die Jugendlichen, sich nicht ausgrenzen zu lassen, sondern aktiv den Weg in die Gesellschaft zu suchen. In der Regel führt das dazu, dass Deutschland als Heimat verstanden wird und unseren aktuellen Lebensmittelpunkt darstellt. Eine weitere Ursache dafür, dass junge Muslime sich nicht mit Deutschland identifizieren wollen, ist die Behauptung, dass Islam und europäische lebensweise nicht mit einander vereinbar seien. Das erklären ja Radikale auf muslimischer ebenso wie auf nicht-muslimischer Seite. Einer solchen Radikalisierung wirken wir entgegen, indem den Jugendlichen ein authentischer Islam und ein ausgewogenes Religionsverständnis vermittelt wird, das in keinem Widerspruch zur europäischen Lebensweise steht. Da leisten wir Präventionsarbeit gegen ein Islamverständnis, das anfällig für extremistsiche Richtungen ist. So versuchen wir auch, die Jugendlichen zu mehr politischer Partizipation zu motivieren, indem wir sie auffordern, sich mit der Parteienlandschaft auseinanderzusetzen, wählen zu gehen und sich aktiv in den etablierten Parteien einzubringen.

Was genau meinen sie mit einem "ausgewogenen Religionsverständnis?"

Um Ausgewogenheit geht es in vielerlei Hinsicht. So kann man sich ja zum Beispiel Spiritualität und Askese vollkommen hingeben und dadurch weltliche Angelegenheiten vernachlässigen. Auf der anderen Seite gibt es Muslime, die religiöse Praxis und religiöse Moralvorstellungen vollkommen ablegen und ihr gar keinen Raum im eigenen Leben einräumen. Da versuchen wir in allen Lebensbereichen einen Mittelweg einzuschlagen. Wenn Jugendliche zu uns kommen, die meinen, religiöse Gebote wie das Beten spielten für sie überhaupt keine Rolle; oder solche mit einem sehr einengenden, wortwörtlichen Islamverständnis, in dem auch die kleinsten Punkte wie die Länge des Bartes oder der Hosen zu essentiellen Fragen stilisiert werden…. Also Leute, die diesen beiden Extremen folgen, werden sich bei uns nicht wohl fühlen. Für uns ist wichtig, dass der Islam ja die Flexibilität mitbringt, sich an örtliche und zeitliche Gegebenheiten anzupassen. Als verbindliches Wertesystem lässt er nicht nur genug Freiraum zur Integration in andere politische Systeme, sondern stimmt mit der demokratischen Ordnung im Wesentlichen überein – zum Beispiel bei den Grundrechten wie Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, der Unantastbarkeit der Würde. Sie sind dem Islam immanent. Die meisten Angelegenheiten sind jedoch vom Islam nicht abschließend bestimmt und können auf demokratischem Weg geregelt werden. Auch die MJD selbst funktioniert so. Die Mitgliederversammlung wählt den Vorstand aus ihren eigenen Reihen. Und im Vorstand als auch in den Teams und Arbeitsgruppen der MJD gilt die Devise, Diskussionen nach Möglichkeit bis zum Konsens zu führen. Das hat nicht selten angeregte und langwierige Diskussionen zur Folge.

Aber wie sieht das "ausgewogene Religionsverständnis" oder ein "kritischer Diskurs zu islamischen Themen" in der Praxis aus – zum Beispiel wenn es auf den Camps um das Verhältnis von Jungen und Mädchen geht?

Auf den MJD-Treffen sind die Jugendlichen, wie auf jeder Jugendveranstaltung, getrennt untergebracht. Die Workshops, das gemeinsame Gebet und viele Freizeitaktivitäten finden in der Regel gemeinsam statt. Dabei wünschen wir uns auf den Veranstaltungen, dass ein religiöser Rahmen eingehalten wird: Jungs und Mädels sollten sich körperlich nicht näher kommen – auch Rauchen ist nicht erwünscht. Das ist aber für die meisten Jugendlichen gar kein Problem, weil sie dieses religiöse Verständnis teilen…

Ein Grundsatz der Jugendarbeit ist, dass sie nicht "moralisch überwältigen" und dem Prinzip der Kontroversität verpflichtet sein sollte. Demnach wäre es gerade wichtig, Konflikte zu thematisieren, mit denen religiöse Jugendliche in ihrem Alltag konfrontiert sind. Solche Konflikte – um das Kopftuch oder die Sexualität – finden sich aber auf der MJD-Website sowie in Ihren Publikationen nicht wieder. Daraus entsteht der Eindruck, dass die MJD ein islamisches Ideal in Form einer religiös "korrekten" Lebensweise vorgibt.

Sicher vertreten wir eindeutige Position zu verschiedenen religiösen Fragen und versuchen diese zu vermitteln, wir setzen uns gleichzeitig aber auch mit Gegenansichten auseinander. Und hier kommt es durchaus zu kontroversen Diskussionen. Zum Beispiel in Diskussionen, ob Musik hören oder Musik machen – im Speziellen für Frauen – islamisch erlaubt oder verboten ist. Oder wenn es um den Besuch von Schulparties geht, auf denen Alkohol konsumiert wird, und wenn diskutiert wird, wie weit die Freundschaft zu Nicht-Muslimen gehen darf. Dabei versuchen wir, Meinungen nicht vorzugeben, sondern vielmehr den Jugendlichen das nötige Handwerkszeug zu vermitteln, um sich anhand der primären und sekundären religiösen Quellen ein selbstständiges Urteil zu bilden.

Wie sieht das konkret aus?

Sie haben das Kopftuch angesprochen. Wir behandeln da den generellen Rahmen der Kleidervorschriften im Islam und tragen die entsprechenden Zitate aus Koran und Sunna zusammen, denn das sind unsere Ideengeber. In der Diskussion würden wir mögliche Extreme wie Burka, Niqab oder sehr kurze und eng anliegende Kleidung thematisieren. Auf die Frage nach der religiösen Pflicht für das Kopftuch gäbe es dann ein Spektrum verschiedener Antworten. Dann würden wir sowohl die Meinung islamischer Rechtsgelehrter wiedergeben, die der Ansicht sind, dass das Kopftuch eine religiöse Pflicht ist. Wir würden aber auch auf andere Positionen und Argumente eingehen und beispielsweise Referentinnen einladen, die eine konträre Ansicht vertreten. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass Mädchen jahrelang in der MJD aktiv sind, die außer zum Gebet kein Kopftuch tragen. Prinzipiell würden wir bei jedem Thema so vorgehen, zu dem es unterschiedliche religiöse Auslegungen gibt. Das ist aber nicht immer der Fall. Zur Frage vorehelicher Sexualität zum Beispiel herrscht, soweit mir bekannt ist, ein eindeutiger religiöser Konsens. Es mag Vertreter geben, die das aus persönlicher Überzeugung anders handhaben, uns ist allerdings kein Referent bekannt, der diese Ansicht auch religiös – dass heißt aus den Quellen des Islam – begründet.

Demnach dürfte aber zum Beispiel eine muslimische Frau keinen nicht-muslimischen Mann heiraten…

Ja, auch hier gibt es keinen anerkannten religiösen Gelehrten, der dies theologisch legitimieren würde. Und es ist nicht Aufgabe der MJD, neue Fatwas (islamische Rechtsgutachten; d. Red.) zu erarbeiten, dafür sind wir nicht ausgebildet und qualifiziert. Trotzdem sind wir natürlich der Meinung, dass jede den heiraten kann, der ihm gefällt – also auch eine Muslima einen Nichtmuslim. Allerdings begeht sie damit aus religiöser Sicht eine Verfehlung. Entscheidung und Verantwortung liegen aber bei jedem selbst. Schließlich gibt es keinen Zwang im Glauben und keinen Zwang zur Befolgung religiöser Gebote, sei es beim Genuss von Alkohol, dem Gebet oder bei der Wahl des Ehepartners. Daraus folgt für uns auch, niemanden für seine Entscheidungen zu sanktionieren oder unter Druck zu setzen. Und das ist ganz entscheidend: Religionen vermitteln bestimmte Werte und Glaubensvorschriften, die man teilen kann oder nicht, die man immer anzweifeln und diskutieren kann und dann muss eben jeder für sich selbst wissen, was er tut oder nicht – dies ist eine Sache zwischen ihm und Gott. Es wäre aber keine Lösung, einzelne religiöse Werte und Vorschriften immer den Bedürfnissen des Einzelnen anzupassen und somit zu verzerren.

Nun wird der MJD zum Beispiel vom Verfassungsschutz vorgeworfen, in Verbindung zu islamistischen Netzwerken zu stehen. Genannt werden dabei der Europäische Fatwarat, die Muslimbruderschaft und die Islamische Gemeinschaft in Deutschland (IGD). Damit verbunden ist auch der Verdacht, die MJD würde Jugendarbeit mit dem politischen Ziel betreiben, die Gesellschaft zu islamisieren. Was sagen Sie zu solchen Vorwürfen?

Die MJD ist eine unabhängige und transparente Organisation, die sich für die freiheitlich demokratische Grundordnung engagiert. Unabhängigkeit ist eines der Grundprinzipien, zu denen sich die MJD verpflichtet hat, um zu garantieren, dass die Arbeit ausschließlich von und für deutsch-muslimische Jugendlichen gestaltet wird. Die MJD finanziert sich auch nahezu ausschließlich aus den Mitglieds- und Teilnahmebeiträgen der Jugendlichen. Ab und zu erhalten wir außerdem Projektförderungen von öffentlichen Einrichtungen – meist für Projekte die wir mit nicht-muslimischen, häufig christlichen, Partnerorganisationen durchführen. Die Vorwürfe basieren auf einer selektiven, verzerrten und willkürlichen Auseinandersetzung mit unserer Arbeit. Das lässt sich am Vorwurf von Verbindungen zur Muslimbruderschaft zeigen: So heißt es, dass die MJD ihren Mitgliedern empfehle, sich in Fragen des islamischen Rechts an die Aussagen des angeblich mit der Muslimbruderschaft verbundenen European Council for Fatwa and Research (ECFR) zu halten. Diese Behauptung ist falsch. Lediglich einmal haben wir vor Jahren in einem MJD-Newsletter geschrieben, dass der Vorstand zur Frage, ob Versicherungen islamisch erlaubt sind, eine Anfrage an den ECFR geschickt hat. Die MJD hat nie den Rat gegeben, sich generell am ECFR zu orientieren. Dies würde auch unserem Selbstverständnis widersprechen, denn in der MJD kommen Muslime mit unterschiedlichen Ansichten zu religiösen Themen und Differenzen in der religiösen Praxis zusammen – zum Beispiel zu Essensvorschriften. Wir schätzen und respektieren diese Verhaltens- und Meinungsvielfalt und es liegt uns fern, durch den Verweis auf eine verbindliche Rechtsmeinung Uniformität zu schaffen.

Trotzdem sind wir natürlich mit religiösen Fragen aus dem Alltag muslimischer Jugendlicher konfrontiert. Besonders relevant sind dabei Fragen nach dem Umgang mit Musik, dem Verhältnis zum anderen Geschlecht oder der Erlaubnis in einem nichtmuslimischen Land zu wählen. Manche gehen soweit, dass sie muslimischen Mädchen und Frauen das Reisen untersagen wollen. Wir hingegen wollen Mädchen und Frauen die gleichen Möglichkeiten geben, sich zu entfalten und sich bundesweit zu engagieren. Und dafür bekommen wir regelmäßig Kritik von solchen Strömungen, die ein rigideres Islamverständnis vertreten. In all diesen Fragen gibt es nur wenige anerkannte Gelehrte, die differenzierte Ansichten vertreten und uns als Argumentationshilfe auch gegenüber den Eltern der Jugendlichen dienen können. Denn wir wollen Antworten liefern, die sowohl den europäischen Kontext berücksichtigen als auch der Lebenswelt muslimischer Jugendlichen gerecht werden. Und gerade weil es Gelehrte gibt, die teils sehr zweifelhafte Ansichten vertreten, ist es wichtig, diesen mit anerkannten Gelehrten entgegenzuwirken, die aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz eine gewisse Autorität und Akzeptanz besitzen. Das bedeutet aber nicht, dass wir alle Ansichten eines Gelehrten teilen müssen. Vielmehr bemühen wir uns um eine kritische Auseinandersetzung mit den Meinungen von Gelehrten, die ja häufig aus dem arabischen oder türkischen Kontext kommen. Ob wir dann Meinungen annehmen oder ablehnen, hängt von ihrer Vereinbarkeit mit unserem deutschen Islamverständnis ab.

Die führende Figur im ECFR ist Yusuf Al-Qaradawi. Er vertritt teils sehr radikale Positionen: Außerehelicher Sexualverkehr und Homosexualität z.B. sind für ihn schwere Sünden, die auch mit schweren Körperstrafen bishin zur Todesstrafe geahndet werden sollen. Auch Selbstmordattentate in Israel hat er gerechtfertigt. Wie steht die MJD zu solchen Positionen? Ist Qaradawi für die MJD eine der von Ihnen genannten anerkannten Autoritäten?

Gleich wie man zum ECFR stehen mag und wie man ihn ideologisch zuordnet – unbestreitbar ist, dass er zu den Wenigen gehört, die, zumindest in Teilbereichen, zufrieden stellende Antworten für religiöse Muslime in Europa liefert. Hinzu kommt, dass seine religiösen Gutachten auch der MJD und ihren Mitgliedern zugänglich sind, weil sie auf Englisch verfasst sind. Dennoch haben wir Qaradawi nie als für uns wichtige Autorität bezeichnet. Wir haben uns lediglich in einzelnen Fragen auf den ECFR bezogen – etwa zu Fragen des Reisens, der Musik und der Teilnahme an Wahlen, weil er hierzu befriedigende Antworten gibt. In Fragen, bei denen wir uns nicht auf ihn beziehen, haben wir eine erkennbar eigene Position. In einigen Fällen betreffen uns seine Ansichten als deutsche Jugendorganisation nicht. Das ist vor allem bei außenpolitischen Themen der Fall. Es wundert uns eher, wie schnell wir in eine Schublade gesteckt werden und ein Zusammenhang konstruiert wird, weil man Mal eine Meinung übernimmt oder eine Schrift übersetzt. Ich denke, man sollte Gelehrte wie Qaradawi lieber direkt fragen, wie sie zu ihren Ansichten kommen, was davon vielleicht veraltet ist und was unter Umständen wirklich nicht zu unserem Lebensbild passt – zum Beispiel, was Qaradawi Mal zum Schlagen von Frauen geschrieben hat. Die MJD ist jedenfalls nicht Pressesprecher dieser Gelehrten. Schliesslich fordert man vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend auch nicht, zu den Prügelvorwürfen gegen Bischof Mixa oder zu den Missbrauchsfällen in katholischen Einrichtungen Position zu beziehen.

Herr Abul Ola, vielen Dank für das Gespräch!

(Eine Kurzfassung des Interviews erschien in der Mai-Ausgabe unseres Newsletters "Jugendkultur, Religion und Demokratie. Politische Bildung mit jungen Muslimen.")