Keine Verrenkungen nötig. Muslimische Gedanken zu lesbischer und schwuler Liebe und Sexualität

Gesellschaften ändern sich – umso wichtiger ist es, die historischen Aussagen der religiösen Quellen auf die heutige Zeit zu übertragen. „Warum also  nicht auch in punkto Homosexualität?“, fragt Hilal Sezgin. Im folgenden Artikel wendet sie sich gegen die Vorstellung, Homosexualität und Islam seien unüberbrückbare Gegensätze.

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Es scheint eine der ganz großen Gewissensfragen zu sein, der letzte Prüfstein, an dem sich entscheidet, ob Europas MuslimInnen nun integrations- und demokratiefähig sind: Wie sie sich zur Homosexualität äußern. Erkennen sie sie als gleichwertige Sexualität an oder nicht? Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, umtriebig auf allen Anwendungsgebieten des modernen Islams, hat sich auch dazu auf seiner Website geäußert. Schon mehrfach ist Ramadan Opfer regelrechter Verleumdungskampagnen geworden, die ihn als «Wolf im Schafspelz» beschreiben, und wenn man seine neue Stellungnahme liest, hört man förmlich schon, wie sich seine Feinde die Hände reiben… Doch sie wären im Unrecht, das finde ich mit derselben Entschiedenheit, mit der ich mit Ramadan hier inhaltlich nicht einer Meinung bin.

Recht hat Ramadan zunächst mit der Annahme, dass die islamischen Traditionen Homosexualität ganz überwiegend zwischen Verirrung, Krankheit und Sünde ansiedeln. Und man muss ihm auch beim Folgenden zustimmen: «Die große Mehrheit der Rabbiner ist derselben Auffassung, ebenso wie der Papst und der Dalai Lama, der Homosexualität missbilligt. […] Die moralische Ächtung der Homosexualität bleibt in allen Religionen die Mehrheitsmeinung, und der Islam ist da keine Ausnahme.» Allerdings hält Ramadan es für möglich, zwischen der Ächtung der Homosexualität und der Homosexueller zu unterscheiden. «Seit über zwanzig Jahren wiederhole ich […], dass Homosexualität im Islam verboten ist, dass wir aber vermeiden müssen, Individuen zu missachten oder abzulehnen. Es ist sehr wohl möglich, mit dem Verhalten einer Person (öffentlich oder privat) nicht übereinzustimmen und diese Person doch als Individuum zu achten.»

Es mag uns postmodernen Liberalen, die sich selbst gern für ihre Toleranz gegenüber allen möglichen Lebensweisen rühmen, nicht gefallen – aber was Ramadan hier expliziert, entspricht exakt dem liberalen Programm. Unsere freiheitliche Grundordnung verlangt von allen BürgerInnen, die Lebensweise anderer hinzunehmen und im passiven Sinne zu tolerieren, solange sie Dritten nicht schadet; wir sind allerdings nicht verpflichtet, sie gutzuheißen. Derselbe Grundsatz, der noch dem konservativsten Muslim auferlegt, sich Homosexuellen gegenüber fair zu verhalten, verlangt von uns Judith-Butler- oder Adrienne-Rich-geprägten Feministinnen, auch demjenigen Muslim fair zu begegnen, dem sich beim Gedanken an Sex unter Frauen oder unter Männern der Magen umdreht.

Nicht nur dem Muslim, übrigens. Es gibt genug nicht-gläubige Deutsche, deren Sexualmoral hinsichtlich Schwuler und Lesben in den Fünfzigerjahren stehengeblieben ist; wir müssen damit leben, dass die katholische Kirche explizit und ganz legal Frauen aus dem Priesteramt ausschließt.

Allerdings, gerade wenn man an die jungen homosexuellen MuslimInnen denkt, merkt man: Ramadans Position ist tolerant, aber in entscheidenden Lebensphasen dieser Jugendlichen nicht unterstützend genug. Es hilft ja nichts, wenn Eltern den deutschen Nachbarn und dessen Freund grüßen, dem eigenen Sohn aber vermitteln: Gott sei Dank sind wir nicht so! Junge Lesben und Schwule brauchen in einer ohnehin heteronormativen Gesellschaft jede Unterstützung, die sie bekommen können; darunter auch in der eigenen Familie Wohlwollen und ein offenes Ohr für das, was sie tun. Für die jungen MuslimInnen würde man sich daher wünschen, dass ihre Eltern die homosexuelle Partnerwahl genauso achteten wie die heterosexuelle. – Und noch einmal: Im Namen der Demokratie und der Integration verlangen kann man es nicht. Es wäre unrechtmäßig, den Einbürgerungstest anhand der Homosexualität zur ewigen Gesinnungsprüfung zu verlängern; auch als Arena für den Kampf um den richtig verstandenen Multikulturalismus taugt das Thema nicht.

Doch nun zu dem, in dem ich nicht mit Ramadan übereinstimme. Die überwiegende Mehrheit der MuslimInnen hat Homosexualität als unislamisch verstanden, sagt er, doch wissen wir alle: Zu jeder Mehrheit gibt es eine Minderheit. Sind sie etwa vergessen, die persischen, arabischen, osmanischen Dichter, die die Homosexualität durch die Blume priesen oder unverblümt den Transvestismus besangen? Zu allen Zeiten gab es Schwule und Lesben, und schon bevor die Menschenrechte konzipiert wurden, haben viele Gesellschaften einen halbwegs passablen Umgang mit ihnen gefunden. Heutige Gesellschaften können es sich unter Gesichtspunkten der Arbeitsteilung und der Reproduktion «leisten», nicht-heterosexuelle Lebensweisen auch offiziell anzuerkennen.

Zwar verstehe ich, was Ramadan mit der Bemerkung meint: «Es wäre sinnlos […], Gläubige zu zwingen, sie sollten intellektuelle Verrenkungen anstellen, um zu beweisen, dass ihre Ansichten dem Zeitgeist entsprechen.» Denn gewiss, der Koran gibt an mehreren Stellen die Geschichte Lots und des Volkes von Sodom wieder, in dem Männer mit Männern verkehrten (Suren 7:80–84; 15:57–77; 26:159–174; 27:54–58). Lot nannte sie ein «schändliches», «hemmungsloses» und «dummes» Volk. Vom Himmel ging ein Steinhagel auf sie nieder. Irdische Strafen für Homosexualität im Speziellen benennt der Koran nicht, sagt aber an anderer Stelle, Unzucht aller Art sei zu bestrafen (Sure 4:16). Damit ist wohl auch Homosexualität gemeint. Traditionell lehnt der Islam die Homosexualität genauso ab wie es das orthodoxe Judentum oder Christentum tun (vgl. Levitikus, 18:1–22). Tatsächlich ist es ja dieselbe Tradition, die Geschichte von Sodom und Gomorrha stammt aus der Bibel. Nach klassischer muslimischer Auffassung verstößt Homosexualität gegen die von Gott gewollte Art von Liebe und Sexualität, nach der immer ein Mann und eine Frau, und nicht zwei Menschen gleichen Geschlechts zusammengehören.

Aber ich bin eben nicht überzeugt, dass das auch heute noch muslimische Auffassung sein muss. Wenn ich an die vielen anderen historischen Elemente der Bibel, des Korans und anderer Heiliger Schriften der Menschheit denke: Sie alle enthalten soziale Normen, die früheren Gesellschaften entstammen. Mal billigen sie unfaire Arbeitsverhältnisse bis hin zur Leibeigenschaft, mal beschreiben sie Gott als einen, der aus Rachedurst Städte vernichtet, finden Monarchien völlig in Ordnung oder auch, dass die Frau dem Mann als Arbeitslohn übereignet wird. Das sind keine Argumente gegen Offenbarungsreligionen als solche; hinter den historischen Aussagen sehen wir heute übergeordnete Auffassungen von Frieden, Gerechtigkeit, Mitmenschlichkeit. Warum also nicht auch in punkto Homosexualität?

Unsere Gesellschaften haben sich gewandelt, Familien sind anders strukturiert. Die Kindersterblichkeit ist viel geringer, und es ist nicht mehr Hauptzweck liebender Beziehungen, im physischen Sinne fruchtbar zu sein. Heutige Paare stehen nicht mehr vor der Aufgabe, möglichst viele eigene Kinder aufzuziehen, um die Gemeinschaft und das eigene Alter zu sichern; man kümmert sich mit um die Kinder des Partners aus einer früheren Ehe, man versucht, in schwierigen Zeiten seinen Job zu behalten oder einen zu finden; bemüht sich, ein paar Träume zu verwirklichen, gleichzeitig realistisch zu sein und in dem ganzen Chaos halbwegs anständig zu bleiben. All das tun viele Menschen lieber zu zweit als allein; und wieso soll es nicht mit einem Partner oder einer Partnerin gleichen Geschlechts möglich sein?

Deswegen kann ich mir so schlecht vorstellen, dass Gott etwas dagegen haben soll, wenn sich zwei Menschen lieben. Egal, wie ihre Körper aussehen. Was zählt, denke ich, ist, wie sie miteinander umgehen: ob sie ehrlich sind, vertrauensvoll, zärtlich, hilfsbereit. Das ist wichtig, und dass sie sich gut miteinander fühlen, dass sie einander helfen, die Menschen zu werden, die sie sein sollen, und das Leben zu leben, das ihnen bestimmt ist. Und wenn ein Sohn oder eine Tochter zu den Eltern kommt und ihnen sagt: «Ich glaube, ich liebe einen Menschen von meinem eigenen Geschlecht», dann können die Eltern im Grunde stolz und dankbar sein für das Vertrauen und die Offenheit, die in ihrer Familie herrschen. Sie sollten sich nicht darum scheren, ob sich die NachbarInnen abfällig äußern könnten, sondern ihren Kindern beistehen, ihren Weg zu finden und zu gehen. – Nein, verrenken muss man sich nicht, um auch als Muslimin sagen zu können: Homosexualität ist nicht automatisch «Unzucht», sondern einfach eine unter mehreren Formen zwischenmenschlicher Begegnung und Liebe.

Hilal Sezgin studierte Philosophie in Frankfurt am Main und arbeitete danach mehrere Jahre im Feuilleton der Frankfurter Rundschau. Jetzt lebt sie als freie Schriftstellerin und Journalistin in der Lüneburger Heide. Ihre Themenschwerpunkte sind Islam und Multikulturalismus, Feminismus und Tierethik. Sie schreibt unter anderem für DIE ZEIT, die Süddeutsche Zeitung und die taz. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter zuletzt der Sammelband «Manifest der Vielen. Deutschland erfindet sich neu» (herausgegeben im Verlag Blumenbar 2011). 2010 wurde Sezgin von der paneuropäischen Muslimorganisation CEDAR als eine der zehn «European Muslim Women of Influence» ausgezeichnet.

Der Text erschien in dem Buch „Karriere eines konstruierten Gegensatzes: zehn Jahre ‚Muslime versus Schwule‘. Sexualpraktiken nach dem 11. September 2001“ von Koray Yilmaz-Günay (Hg.). Wir bedanken uns bei der Autorin und dem Herausgeber für die freundliche Erlaubnis, den Text hier zu veröffentlichen.

Illustration: Titelbild der Broschüre „Anti-Homophobika“ von Gladt e.V.