Jenseits sicherer Mauern: „AntiAnti – Museum Goes School“ schafft Zugänge zu jüdischer Kultur und Geschichte

Logo_AntiAnti„AntiAnti – Museum Goes School“ ist ein kulturelles Bildungsprojekt des Jüdischen Museums Frankfurt, das sich explizit an Schüler_innen von Berufsschulen wendet und gegen Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus Position bezieht.

Projektleiterin Türkân Kanbıçak sprach mit uns über Hintergrund und Umsetzung des Projektes.

 

Ufuq.de: Liebe Frau Kanbıçak, bitte führen Sie uns doch kurz in das Projekt „AntiAnti – Museum Goes School“ des Jüdischen Museums Frankfurt ein. Worum geht es in dem Projekt? Wie ist die Idee entstanden?

Türkân Kanbıçak: „AntiAnti“ steht für eine Haltung gegen Antisemitismus, gegen antimuslimischen Rassismus und gegen alle Varianten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Für uns als jüdisches Museum ist es von besonderer Bedeutung, niedrigschwellige Zugänge zu jüdischer Kultur und Geschichte zu gestalten, die Vorurteilsstrukturen entgegenwirken. Unser Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler zu einem selbstreflexiven Verständnis von kultureller Diversität und Diskriminierung zu führen.

Auf Grundlage der Bildungsprojekte, die mein Kollege Manfred Levy und ich gemeinsam entwickelt und durchgeführt haben, und unter Beratung der Vorsitzenden des städtischen Elternbeirats habe ich das kulturelle Bildungsprogramm „AntiAnti – Museum Goes School“ konzipiert. Der Name des Bildungsprogramms lässt bereits den Ansatz des Museums erkennen: Wir verlassen unsere sicheren Mauern und möchten mit unseren Reach Out-Programmen in die Zivilgesellschaft aktiv einwirken, das heißt, wir warten nicht, dass die Schulklassen zu uns kommen, sondern wir gehen in die Schulen!

Dr. Türkân Kanbıçak war Berufsschullehrerin an einer kaufmännischen Schule und Ausbildungsbeauftragte für Fachdidaktik am Studienseminar für Berufliche Schulen in Frankfurt am Main. Seit 2013 ist sie vom hessischen Kultusministerium an das Pädagogische Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt abgeordnet.

Warum haben Sie sich für die Schülerinnen und Schüler berufsbildender Schulen als Zielgruppe entschieden?

Es ist das erste Bildungsprogramm eines Frankfurter Museums, das für Berufsschulen konzipiert wurde. Berufsbildende Schulen spielen in der deutschen Bildungslandschaft eine außerordentlich wichtige Rolle. Ein Drittel der gesamten Schülerschaft besucht eine berufsbildende Schule.  Der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund oder mit brüchigen Bildungsbiografien ist an diesen Schulen besonders hoch.

Berufsbildende Schulen erfüllen auf der Basis eines ausdifferenzierten Schulsystems bedeutsame Integrationsarbeit, bilden sie doch meistens eine wichtige schulische Phase vor dem Übergang zum Erwerbsleben. Das Programm „AntiAnti – Museum Goes School“ richtet sich dezidiert an berufsbildende Schulen, in denen der Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund besonders hoch und das kulturelle Bildungsangebot zugleich gering ist. Ausgehend von einem breiten Bildungsverständnis und im Sinne eines nachhaltigen Beitrags zur Extremismusprävention ist das Programm jeweils auf ein halbes Jahr angelegt und umfasst mehrere Lerneinheiten sowohl für Schülerinnen und Schüler als auch für Lehrerinnen und Lehrer.

Sie sprechen ja bewusst bildungsbenachteiligte Schülerinnen und Schüler an. Steht hinter diesem Ansatz die Annahme, dass Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit unter bildungsbenachteiligten Gruppen stärker verbreitet sind? Gibt es eventuell bestimmte Studien, auf die Sie sich stützen?

Wir gehen nicht davon aus, dass Antisemitismus und Rassismen ein besonderes Phänomen bei bildungsbenachteiligten Schülergruppen sind. Die Berücksichtigung der Kategorie „bildungsbenachteiligt“ hebt in diesem Kontext insbesondere die Bildungsbenachteiligung im Hinblick auf Förderung unterschiedlicher Schulformen hervor. Die berufsbildenden Schulen werden bei zahlreichen Förderprogrammen ein wenig „vergessen“. Auf die wichtige Bildungs- und Integrationsarbeit, die berufsbildende Schulen tagtäglich leisten, möchten wir mit diesem Programm hinweisen und ihre Arbeit würdigen.

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Wo steht das Projekt aktuell? Wie geht es weiter?

Gegenwärtig nehmen wir zwei Schulklassen pro Halbjahr in das Programm auf. Durch die großzügige Spende von der vonovia-Wohnungsbaugesellschaft ist das Programm bis 2022 gesichert. Allerdings hat das Hessische Innenministerium bereits zusätzliche finanzielle Unterstützung zugesichert, sodass wir davon ausgehen, dass wir das Bildungsprogramm weiterhin verstetigen werden können.

Wie entsteht der erste Kontakt zwischen Ihnen und den teilnehmenden Schulklassen? Gehen Lehrkräfte auch aufgrund konkreter Vorfälle oder problematischer Äußerungen auf Sie zu oder verfolgen Sie einen universalpräventiven Ansatz?

Da ich selbst in meiner Erstprofession Berufsschullehrerin bin, kenne ich viele berufsbildende Schulen in Frankfurt und Umgebung. Die Pilotphase des kulturellen Bildungsprogramms wurde erfolgreich erprobt. Die wissenschaftliche Evaluation hat deutlich gemacht, wie nachhaltig dieses Programm ist. Diese Erkenntnisse und Erfahrungen sprechen sich in der Schullandschaft schnell herum. Außerdem gab es zahlreiche Presseberichte, sodass das kulturelle Bildungsprogramm an den Frankfurter Berufsschulen gut eingeführt ist.

Das Programm verfolgt einen primärpräventiven Ansatz. Dies impliziert, dass wir mit Schülerinnen und Schülern, die bislang nicht als von einer potentiellen Radikalisierung oder Ideologisierung „gefährdet“ markiert sind, arbeiten. Dies ist nicht unser Arbeitsbereich, da wir davon ausgehen, dass diese Kompetenzen in den Bereichen der Sicherheitsorgane und bei speziell ausgebildeten Sozialpsychologinnen und – psychologen liegen.

Das Jüdische Museum und das Pädagogische Zentrum Frankfurt haben in den vergangenen Monaten gemeinsam eine sogenannte „Reach-Out-Bildungsprogrammatik“ entwickelt. Können Sie uns den Ansatz genauer erläutern?

Das Jüdische Museum Frankfurt ist das erste eigenständige Museum in der Bundesrepublik Deutschland, das mit der Aufgabe gegründet wurde, jüdische Geschichte und Kultur einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Es entstand aus der politischen Einsicht, dass Juden die wirtschaftliche, kulturelle, soziale und wissenschaftliche Entwicklung der Stadt in der Moderne entscheidend prägten, bevor sie in den Jahren 1933 bis 1945 systematisch ausgegrenzt, beraubt, vertrieben und ermordet wurden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich in Frankfurt erneut eine jüdische Gemeinschaft, die in den 1980er-Jahren zunehmend an die Öffentlichkeit trat. Im selben Zeitraum beschloss auch die Stadtverordnetenversammlung, ein Jüdisches Museum am Mainufer zu gründen.

Ein Großteil der gegenwärtig in Frankfurt und Umgebung lebenden Menschen haben keine oder nur wenige Vorfahren, die 1933-45 Mitglieder der deutschen Gesellschaft waren. Dementsprechend fühlen sie sich auch nicht der deutschen Gedenkkultur an den nationalsozialistischen Massenmord verpflichtet, sondern wünschen sich, dass ihre eigenen diversen Biografien in der heutigen diversen Gesellschaft ebenfalls Gehör und Würdigung finden. Dies stellt das Jüdische Museum vor neue Aufgaben. Es gilt, diese Menschen mit Migrationserfahrung für das Themenfeld unseres Museums zu interessieren. In einer postmigrantischen Perspektive rückt das Gedenken an das singuläre Ereignis der Shoah neben die Erinnerung an andere Genozide. Antisemitismus wird als eine Form des Rassismus verstanden, die Wiederkehr der Religion tritt neben die Rückbesinnung auf familiäre Tradition. Eben diesen Paradigmenwechsel im Blick auf jüdische Geschichte greift das Jüdische Museum nun mit einem neuen kulturellen Bildungsprogramm auf, indem es das eigene Haus verlässt und in der Stadt sowie an Schulen arbeitet, um dem zunehmenden gesellschaftlichen Klima von Gewalt entgegen zu wirken.

Die Lerneinheiten finden der Reach-Out-Bildungsprogrammatik gemäß nicht alle im Museum oder in der Schule statt, sondern an verschiedenen Orten in der Stadt Frankfurt. Können Sie uns ein paar Beispiele für solche Orte beschreiben? Wie reagieren die Schülerinnen und Schüler auf diese Orte?

Die Lernorte sind unter anderem das Museum Judengasse als authentischer Ort mit dem altem jüdischen Friedhof, die Gedenkstätte Börneplatz, die Henry und Emma Budge-Stiftung (jüdisch-christlich-muslimischer Alten- und Pflegestift) sowie die Stadtteile, in denen die Schülerinnen und Schüler leben. Die Lernenden nehmen diese Lernorte als anregende Lernarrangements wahr und zeigen sich sehr neugierig, weil diese Orte ihnen zum Teil nicht bekannt sind. Sie lassen sich auf diese „neuen Lernorte“ mit einladenden Lernarrangements ein und zeigen sich äußerst interessiert. Der vielschichtige Veranstaltungsablauf und die außerhalb ihres Schulalltages liegenden Lernorte wirken sich bereichernd auf die Lernenden aus.

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Sie verfolgen einen personenorientierten Ansatz. In den Schülerworkshops beschäftigen sich die Jugendlichen intensiv mit ihrer eigenen Familiengeschichte und eventuellen Migrations- und Diskriminierungserfahrungen. Auf dieser Grundlage setzen sie sich mit ihren eigenen Vorurteilen gegenüber anderen Gruppen auseinander. Wie bewerten Sie die Wirksamkeit dieses pädagogischen Ansatzes zu diesem Zeitpunkt?

Die Schülerinnen und Schüler nehmen dieses während der regulären Unterrichtszeit stattfindende Bildungsprogramm als etwas Besonderes und Abweichendes wahr. Die Abweichung vom regulären Unterricht bezieht sich sowohl auf die Methodik als auch – und dies ist in diesem Fall das Besondere – die Inhalte. Die Inhalte fokussieren vornehmlich ihre eigene Biografie, ihre Erfahrungen und ihre Ziele. Im Kontext eines geschützten „pädagogischen“ Raums erzählen sie (häufig erstmals) von ihrer familiären Herkunft und Migrationsgeschichte, selbst erlittenen Diskriminierungserfahrungen und auch welche Haltungen sie gegenüber anderen sozialen Gruppen pflegen. Die Thematisierung der eigenen Geschichten und erlittenen Diskriminierungserfahrungen ist von grundlegender Bedeutung im Prozess der Auseinandersetzung mit eigenen Haltungen gegenüber sozialen Gruppen, wie zum Beispiel der Juden. Dies wirkt einer möglichen Opferkonkurrenz entgegen und ebnet den Weg für die Entwicklung von Empathie.

Aufklärung und Wissen alleine ändert wenig in den eigenen Einstellungen gegenüber Anderen. Daher versuchen wir, insbesondere auch die Emotionalität der Lernenden anzusprechen.

Eine besondere Nachhaltigkeit entsteht unter anderem aufgrund des Umfangs des Bildungsprogramms. Im Gegensatz zu kurzen (meistens zweistündigen, einmaligen) Workshops arbeiten wir in sechs ganztätigen Lerneinheiten mit Schülerinnen und Schülern. Diese Lerneinheiten erstrecken sich über das gesamte Schulhalbjahr. Dieser lange Auseinandersetzungs-Prozess bietet die Chance für eine intensive und umfängliche Bearbeitung und Einlassung in dieses Themenfeld, welches schließlich im Sinne der Frankfurter kritischen Schule die Selbstreflexion als oberste Maxime von Bildung benennt.

Die fortlaufende Evaluation der Workshops und Fortbildungen bildet eine wichtige Säule des Programms. Sie verwenden die Methode des partizipativen Wirkungsmonitorings. Können Sie uns genauer erläutern, was Sie darunter verstehen und wie das in der Praxis aussieht?

Das Projektteam wertet nach jeder Einheit den Verlauf multiperspektivisch aus. Hierbei werden die Aussagen und Reaktionen der Schüler und Schülerinnen sowie die Lehrermeinungen aufgenommen und fließen in die Einzelauswertungen ein. Bilddokumentation und Schülerarbeiten finden ebenso Eingang in diese Einzelauswertungen. Besondere Berücksichtigung finden die Schülerrückmeldungen nach den einzelnen Lerneinheiten.

Prof. Dr. Benno Hafeneger ist ausgewiesener Jugend- und Extremismusforscher und war lange Zeit an der Universität in Marburg tätig. Er wurde mit der Evaluation des Bildungsprogramms beauftragt. Hierzu hat er das Arbeitsmaterial und die Konzeption der Workshops und Lehrerfortbildungen ausgewertet. Ferner hat er an einzelnen Workshops im Sinne einer teilnehmenden Beobachtung mitgewirkt und qualitative Interviews mit den Teilnehmenden durchgeführt und diese ausgewertet. Des Weiteren führt er derzeit eine Langzeituntersuchung (Befragung in unterschiedlichen Intervallen) mit Lernenden, Lehrenden und dem Projektteam durch. Diese Erkenntnisse sollen in Zukunft in Form von Aufsätzen publiziert werden. Eine erste Publikation liegt bereits vor (Hafeneger, Benno; Kanbıçak, Türkân; Wenzel, Mirjam: Extremismusprävention durch kulturelle Bildung. Das Projekt „AntiAnti – Museum Goes School“ an berufsbildenden Schulen, Frankfurt am Main 2018.).

Welche Einsichten konnten Sie aus dem partizipativen Wirkungsmonitoring ziehen? Wo mussten Sie eventuell im Programm nachjustieren?

Das Projektteam passt jeden Workshop und jede Lehrerfortbildung der aktuellen Zielgruppe an. Wir haben Erkenntnisse hinsichtlich der Wirkungen von Geschlechteraufteilung innerhalb der Lerngruppe gewonnen, welche wir stets berücksichtigen. Ebenso liegen gesicherte Erkenntnisse hinsichtlich der selbstreflexiven Fähigkeit bei unterschiedlichen Lerngruppen vor. Hier können wir konstatieren, dass die Abweichungen bezüglich der selbstreflexiven Fähigkeiten häufig vom Bildungsniveau abhängen. Je nach Lerngruppe passen wir das Arbeitsmaterial oder die Übungen – manchmal auch die Gewichtung einzelner Lerninhalte – stets neu an.

Zum Weiterlesen

Sakina Abushi, „Antisemitismus lebt und gedeiht dort, wo Diskriminierung geduldet und akzeptiert wird“, www.ufuq.de, 23.07.2018.

Jochen Müller, Empörung wirkt nicht – Was tun gegen Antisemitismus (und andere Ideologien der Ungleichwertigkeit)?, www.ufuq.de, 25.04.2018.

Überblick 4/2017: Zeitschrift des IDA-NRW – Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein Westfalen: Antisemitismus im Kontext von Rassismuskritik thematisieren.