Islamwissenschaften als Kampfsport: Eine französische Debatte über die Ursachen dschihadistischer Gewalt

Die Frage nach den Ursachen religiös motivierter Gewalt ist in Medien und Politik allgegenwärtig – dies gilt für Frankreich genauso wie für Deutschland. Welche Rolle spielt der Islam, welche Bedeutung haben soziale Konflikte? Und welche Verantwortung trägt die europäische Politik in der Region? Die Debatte wird in Frankreich besonders kontrovers geführt, die Argumente sind allerdings auch für den hiesigen Kontext aufschlussreich. Leyla Dakhli gibt einen Überblick über die Kontroverse und die unterschiedlichen Erklärungen, die von prominenten „Islamologen“ vorgetragen werden. In Frankreich gilt die Islamologie als Teil der Kultur- und Sozialwissenschaften, die sich mit der Geschichte, Kultur und Politik des Islams und muslimischer Gesellschaften beschäftigt.

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Die Experten, die in den Medien regelmäßig zu den Themen „Islam“, „Muslime“ und „Araber“ zu Wort kommen, sind dem Publikum in Frankreich sehr vertraut. In der Regel geht es in ihren Beiträgen um Fragen des Terrorismus, um „Radikalisierung“, den Krieg in Syrien, Grenzkonflikte, den israelisch-palästinensischen Konflikt (der je nach Standpunkt als zentral oder marginal angesehen wird), die Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten, den Autoritarismus in der arabischen Welt, die Rolle verschiedener Großmächte oder um die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf die französischen Vorstädte. Die Liste der Fragen ließe sich je nach Bedarf und aktuellem Anlass verlängern.

Bei der Diskussion rund um den Islam – im Fernsehen, in Zeitungskommentaren, aber auch in Wissenschaft und Politik – handelt es sich nicht allein um nüchterne wissenschaftliche Debatten. In den Interpretationen der Ereignisse kommen auch politische Streitpunkte und unterschiedliche Rollenverständnisse zum Ausdruck.

Islamwissenschaften, Islamismus, Postislamismus

Um es vorweg zu nehmen: Hier ist weder die Rede von selbsternannten Spezialisten und Pop-up-Experten, die nach einem Anschlag wie Pilze aus dem Boden sprießen, noch geht es um Islamwissenschaftler im klassischen Sinne. Tatsächlich sind die Islamwissenschaften bzw. die Islamologie als Forschungsdisziplin, die dem Islam als Religion und Denktradition gewidmet ist, an französischen Universitäten im Aussterben begriffen. Ihre Vertreter kommen im Fernsehen nur selten zu Wort.

Die „Islamologie“, von deren Repräsentanten wir nach den Anschlägen im Januar und November 2015 viel gehört und gelesen haben, ist ein Teil der Kultur- und Sozialwissenschaften, die sich mit Phänomenen beschäftigen, die mit dem Islam in Verbindung stehen. Es handelt sich um eine quasi autonome – und sehr französische – Disziplin, die sich in den 1980er Jahren mit den Werken von Bruno Étienne „L’Islamisme radical“ (1987), von Gilles Kepels „Le Prophète et le Pharaon“ (1984) und von Rémy Leveau „Les Musulmans dans la Societé Française“ (1987 im Verlag der Sciences Po und in Zusammenarbeit mit Gilles Kepel erschienen) herausbildete. Von diesen Autoren lebt heute nur noch Gilles Kepel, allerdings gehören auch Veröffentlichungen anderer, mittlerweile in Vergessenheit geratener Politikwissenschaftler zu dieser Disziplin. Zu ihnen zählen: Olivier Carré, dem Übersetzer des Korankommentars des ägyptischen Islamisten Sayyid Qutb, Michel Seurat, der zum syrischen Autoritarismus und zur Geschichte der Muslimbrüder forschte, bevor er als Geisel im Libanon starb, sowie Alain Roussillon, Spezialist zeitgenössischer muslimischer Denkströmungen und ehemaliger Leiter des Centre d’Etudes et de Documentation Economiques, Juridiques et Sociales (CEDEJ), der wichtigsten französischen Forschungseinrichtung in Kairo.

leylaDie Historikerin Dr. Leyla Dakhli arbeitet vor allem über arabische Intellektuelle und kulturell-gesellschaftliche Entwicklungen im südlichen Mittelmeerraum. Sie ist Mitarbeiterin des nationalen Forschungsinstituts CNRS in Paris und derzeit Gastwissenschaftlerin am Centre Marc Bloch in Berlin.

In diesen Arbeiten ging es von Anfang an um Fragen, die auch heute wieder im Mittelpunkt stehen: Phänomene der Gegenwart (und nicht der Geschichte), das Wesen des politischen Islams im Nahen Osten, das Verhältnis zwischen Religion und Politik, politische Räume in autoritären Systemen sowie das Thema Gewalt, vor allem in Gestalt des Terrorismus. Dabei wuchs, insbesondere nach den Anschlägen der algerischen GIA in Frankreich in den 1990er Jahren, auch das Interesse an den Zusammenhängen zwischen den Ereignissen in der arabischen Welt und der französischen Gesellschaft – und damit auch in Europa.

Heute dominieren vier zentrale und sehr engagierte Personen die wissenschaftlichen und medialen Debatten. Gilles Kepel war an der Science Po in Paris für das Masterstudium „Arabische Welt“ verantwortlich und ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen, von denen sich seine jüngste – „Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa“ – nach den Anschlägen vom 13. November 2015 zehntausendfach verkaufte. François Burgat, ein Experte für den politischen Islam insbesondere in Algerien, verbrachte einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn in französischen Forschungsinstituten in arabischen Ländern. Dagegen begann das Interesse Olivier Roys am politischen Islam mit Forschungen in Afghanistan, also im nichtarabischen Raum – ein Umstand, der auch für seine späteren Arbeiten relevant ist. Aus seinen Forschungen entwickelte er das Konzept des Postislamismus.

Schon 2001 waren diese drei Forscher an den Diskussionen beteiligt, in denen sie sich auch heute wieder gegenüber stehen. Heute zählt auch Jean-Pierre Filiu zu dieser Gruppe, ein ehemaliger Diplomat in Syrien und ein Historiker, der durch sein offenes Engagement für den syrischen Aufstand und seine Vorliebe für Comics und Lieder heraus sticht. Auch jüngere Forscher und insbesondere ehemalige Studierende von Gilles Kepel wie der Salafismus-Experte Bernard Rougier (Universität von Auvergne), Stéphane Lacroix (Sciences Po) und die Irak-Expertin Myriam Benraad (Institut de Recherche et d’Etudes sur le Monde Arabe et Musulman) sind an der Debatte beteiligt. Die Liste bleibt hier unvollständig, jedoch sollten auch Romain Caillet (ein Student von François Burgat, der eher durch seine Abschiebung aus dem Libanon und seine Konversion zum Islam als durch seine zahlreichen Arbeiten vor allem zum Dschihadismus und der „Émigration des Salafistes Francais en Terre d’Islam“ bekannt wurde), Laurent Bonnefoy (Mitarbeiter von Burgat und Salafismus-Experte im Yemen) oder auch Vincent Geisser (Forscher am CNRS, der kürzlich einen sehr umstrittenen Artikel mit dem Titel „Die Islamisierung Frankreichs verfolgt Gilles Kepel“ in der Zeitschrift Orient XXI veröffentlichte) erwähnt werden. Orient XXI dient als Plattform, um Journalisten und Experten des Nahen Ostens zu vernetzen und wird insbesondere von jüngeren Forschern geprägt.

Auseinandersetzungen

Der Artikel, in dem Geisser Kepel beschuldigt, den Dschihadismus zum „neuen utopischen Leitbild“ zu stilisieren, das „die Vororte mobilisiere“, ist nur ein Beispiel für die vielen Kontroversen innerhalb der französischen Islamologie, wie sie vor allem von François Burgat, Jean-Pierre Filiu, Gilles Kepel und Olivier Roy dominiert wird. Diese vier Forscher, Lehrende und profilierte Autoren widmeten einen großen Teil ihrer Arbeiten dem sogenannten Dschihadismus und/oder dem politischen Islam und dessen politischen, gewaltsamen oder nichtgewaltsamen Ausprägungen.

In der Gemengelage aus wissenschaftlicher Forschung und sozial- und sicherheitspolitischen Fragen ist seit den 70er und 80er Jahren ein spezifisches Forschungsfeld entstanden. Im Mittelpunkt steht das Bemühen, die Personen zu verstehen, die ihr politisches Engagement und Handeln mit einem Rückgriff auf den Islam begründen. Die Forscher, die in diesem Feld agieren, sind keine Experten oder Übersetzer des Korans oder dessen Interpretationen. Sie kommen vielmehr aus dem Bereich der Politikwissenschaften und teilweise auch aus der Soziologie, Geschichte und Ideengeschichte.

Nach außen scheint der Streit weitgehend befriedet, aber in den Tiefen dieses Mikrokosmoses brodelt es. So finden sich in Vorträgen und in Aufsätzen der vier zentralen Repräsentanten immer wieder Seitenhiebe, mit denen sie sich gegenseitig beschimpfen, beschuldigen, bloßstellen und ihre Meinungsverschiedenheiten in die Öffentlichkeit tragen. Nach den Anschlägen des 13. November 2015 brachte es François Burgat in der Onlinezeitschrift Rue89 auf den Punkt. Damit reagierte er auf einen Artikel von Olivier Roy, der in Le Monde dafür plädiert hatte, den Dschihad als eine „nihilistische Revolte der jungen Generation“ zu verstehen. Für Roy handelt es sich bei dem Phänomen weniger um „eine Radikalisierung des Islams als um eine Islamisierung von Radikalität“. Burgat hielt diesem Ansatz zu gute, dass er die Schwäche der kulturalisierenden Ansätze verdeutliche, die den Dschihad aus einem islamischen Kern ableiten und damit die öffentliche Wahrnehmung prägen. Allerdings gehe Roys Ansatz aus seiner Sicht sehr zu Lasten „unserer analytischen Fähigkeiten und hat damit auch strategische Folgen, weil er es erschwert, einen rationalen Zugang zum sogenannten politischen Islam zu entwickeln. Dabei wird – ähnlich wie in einem kulturalistischen Ansatz – unter unzähligen Vorwänden versucht, die vermeintliche Motivation der Beteiligten zu entpolitisieren.“

Auch Gilles Kepel widersprach Olivier Roys’ Analyse, verteilte in seinem neuesten Buch allerdings auch in anderer Richtung ironische Seitenhiebe. So schrieb er über „den ehemaligen Diplomaten und engagierten Historiker“ Jean-Pierre Filiu: „Er ist ein profilierter Autor von Essays jeglicher Art sowie von Comics.“

Gibt es einen Islamismus oder viele?

Dieses Forschungsfeld ist seit Jahren von Polemiken geprägt. Bereits seit den 90er Jahren lassen sich einige grundlegende Kontroversen ausmachen. Ein zentraler Streitpunkt betrifft das Wesen und die Zukunft des „Islamismus“. Nach dem 11. September 2001 sahen sich die beiden Gallionsfiguren der Debatte, Olivier Roy und Gilles Kepel, in Erklärungsnot, hatten sie doch vor den Anschlägen in den USA einen Niedergang, sogar ein Ende des Islamismus vorhergesagt. In ihren Büchern „Das Scheitern des politischen Islam“ (Olivier Roy, 1992) und „Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus (Gilles Kepel, 2000) schienen sie das Ende ihres Forschungsgegenstandes zu verkünden.

In der Kontroverse geht es zunächst um die Wahl der Begriffe „Postislamismus“, „Islamismus“, „Dschihadismus“ und „radikaler Islam“, die bereits Aufschluss über die verschiedenen Ansätze gibt: Ist das Forschungsobjekt immer das gleiche, entwickelt es sich in unterschiedliche Richtungen im Sinne einer Überwindung (Post-), einer Verschärfung oder Zuspitzung als Radikalisierung, Dschihadismus oder im Wandel von einer ursprünglich gewaltfreien Bewegung hin zum militanten Kampf? Gibt es eine generationsbedingte Ausdifferenzierung (in der sich verschiedene Aspekte verbinden)? Oder handelt es sich um immer neue Strömungen, um Bewegungen, die zwar gemeinsame Elemente haben, aber dennoch so unterschiedlich sind, dass sie jeweils neue Bezeichnungen notwendig machen?

Für Gilles Kepel handelt es sich bei den Islamisten um ein ähnliches Phänomen, das 1928 mit dem Entstehen der Muslimbruderschaft in Ägypten seinen Anfang nahm, das sich aber den neuen Realitäten, in denen es auftritt, anpasst. Natürlich gäbe es unterschiedliche Schulen und Strömungen, doch handelt es sich um ein und dieselbe Familie, in der man unterschiedliche „Generationen“ ausmachen könne. Die Verwendung des Begriffs der „Generation“ – oder auch der „Ethnogeneration“ – , der soziale, kulturelle und religiöse Elemente verbindet, spiegelt sich auch in seiner These über die „Banlieues des Islams“. Der Dschihadismus, wie wir ihn derzeit erleben, ist demnach eine Folge des Abgleitens der „dritten Generation des Islams in Frankreich“ in den Extremismus. Auch François Burgat, der allerdings nicht von Generationen spricht, geht mit Blick auf unterschiedliche Ausdrucksformen des Islamismus von einem Kontinuum aus, das jedoch von aktuellen politischen Ereignissen, der internationalen Politik und der Geopolitik in der arabischen Welt beeinflusst wird.

Bei allen Forschern zeigt sich die Notwendigkeit, ihre Begrifflichkeiten dem jeweiligen Kontext anzupassen. So verwenden sie den Begriff „Dschihadismus“, um aktuelle Bewegungen zu beschreiben, die mit Terrorismus in Verbindung stehen. „Islamismus“ hingegen wird für Bewegungen verwendet, die versuchen, sich in das demokratische System einzubringen (wie die algerische FIS, die tunesische Ennahda oder die ägyptischen Muslimbrüder). In dieser Logik lässt sich von einem Niedergang des Islamismus und einem damit verbundenen Erstarken des Dschihadismus sprechen. Die gescheiterte Einbeziehung des Islamismus in das politische System in einer mehr oder weniger institutionalisierten und moderaten Form hat in sehr unterschiedlicher Weise dem radikalen Islamismus und auch dem Dschihadismus Zulauf beschert. Dies gilt insbesondere in gewalttätigen gesellschaftlichen Umgebungen.

Radikalisierung der Islamisten oder Islamisierung der Radikalität?

In der beschriebenen Diskussion geht es jedoch nicht nur um Begrifflichkeiten. Der Artikel von Olivier Roy, der im Zentrum der Auseinandersetzungen steht und diese zuletzt zum Eskalieren brachte, spricht von einer „Islamisierung der Radikalität“ in Abgrenzung von einer „Radikalisierung des Islams“, um das aktuelle Phänomen zu beschreiben. (Eine ähnliche These wird auch von Alain Bertho vertreten, der ein Spezialist für urbane Proteste ist.) Diese These steht im Widerspruch zu der Annahme, dass es sich um ein Kontinuum handelt, das über Generationen weitergegeben wird. Roys These stützt sich unter anderem auf die Beobachtung, dass sich unter den „Radikalisierten“ viele Konvertiten finden. Zudem ließe sich nicht von graduellen Unterschiedenen zwischen den Strömungen sprechen, schließlich würden Personen, die sich dem Dschihad anschließen, nicht notwendigerweise eine Phase eines „moderaten“ oder auch eines salafistischen, aber gewaltfreien, Islams durchlaufen. Dieser Analyse stellt François Burgat eine Beschreibung entgegen, die von einem Zusammenwirken unterschiedlicher Entwicklungen in den muslimischen Gesellschaften und unter Muslimen in Europa ausgeht, die zu einer zunehmenden Verbitterung und damit auch zu einem zunehmend radikaleren Handeln führe.

Solche Unterschiede sind typisch für Analysen von sozialen und politischen Bewegungen, in diesem Zusammenhang sind sie aber besonders bedeutsam. So schreibt Olivier Roy: „Die eigentliche Frage ist, wofür diese Jugendlichen stehen: Sind sie die Vorboten der Kriege, die uns noch bevorstehen, oder sind sie die Überbleibsel einer Phase historischer Unruhe?“

Forschungsfelder und Methoden

Die vier wichtigsten Teilnehmer in der Debatte um die Analyse des politischen Islams sind sich über die Dringlichkeit des Themas „Dschihadismus“ einig, unterscheiden sich aber hinsichtlich ihrer Forschungsfelder und ihrer Methoden in ihren Deutungen. Da gibt es zunächst jene, die das Thema „aus der arabischen Welt heraus“ betrachten, also Burgat und Filiu. Aus ihrer Sicht handelt es sich beim Islamismus/Dschihadismus um einen Aspekt einer globaleren Frage, die man in der Vergangenheit als „Orientfrage“ umschrieb. Geopolitik, soziale Probleme und Emanzipationsbestrebungen werden hier zusammengedacht. Kurz: Für sie ist der Islamismus eine Antwort der Unterdrückten auf eine Kolonialpolitik, später auf postkoloniale bzw. neoimperiale Politik, die mithilfe der autoritären arabischen Regierungen die Bevölkerungen unterwarf. Ein Ende des Islamismus wäre aus dieser Sicht gleichbedeutend mit dem Ende dieser ungerechten Politik, insbesondere auf dem Gebiet der Außenpolitik.

Den Analysen von Gilles Kepel und Olivier Roy liegt dagegen eine eher Frankreich-zentrierte Sichtweise zugrunde. Bei allen Unterschieden treffen sie sich darin, dass sie das Phänomen aus der französischen Gesellschaft heraus erklären. So bestreitet Olivier Roy einen Zusammenhang zwischen Imperalismus, französischer Außenpolitik und einer Radikalisierung junger muslimischer Franzosen (ob Konvertiten oder nicht). Sie befänden sich in einer Minderheitensituation und hätten Bezug zum Rest der muslimischen Bevölkerung Frankreichs verloren, die gut integriert und vielfältig sei und mit dem Land weitgehend Frieden geschlossen habe. Dagegen setzt Kepel das Bild eines sich abspaltenden Islams. In zum Teil dramatischen Begriffen beschreibt er, wie die Vororte zum Ausgangspunkt einer Islamisierung Frankreichs würden und sieht im Erstarken des Salafismus in einigen Vororten einen grundlegenden “kulturellen Bruch“, der den Dschihadismus der neuen Generation befördere.

Stehen sich hier also ein Pessimist und ein Optimist gegenüber? Nicht ganz, denn die Unterschiede sind auch Ausdruck unterschiedlicher methodischer Ansätze. Gilles Kepel verfolgt die Texte der Islamisten und ihre Unterhaltungen in dschihadistischen Netzwerken, er kennt ihre Vornamen und Pseudonyme. Dagegen beschäftigt sich Olivier Roy mit übergeordneten Fragen: Wie wählen muslimische Franzosen? Welche Berufe üben sie aus? Er macht die sozialen Rahmenbedingungen der Radikalisierung aus, die in den Kreislauf der Isolation und Abwendung münden und die ihren Ursprung nicht im Islam, sondern zum Beispiel in kriminellem Verhalten haben. In dieser Perspektive ist der Islam lediglich ein Angebot, dessen sich Menschen bedienen, die sich radikalisieren wollen.

Wessen Thesen setzen sich durch?

Diese Unterschiede haben Auswirkungen darauf, wie sie in der Innen- und Außenpolitik aufgegriffen werden. Mit der Anhörung einer Reihe von Experten nach den Anschlägen in Paris durch die Nationalversammlung und den Senat stellt sich die Frage nach der Effektivität und dem praktischen Nutzen der Forschungen. In dieser Situation stehen die Forscher unter Druck zu beweisen, dass ihre Analyse zutreffender ist als die von anderen – insbesondere von Experten unterschiedlicher Think-Tanks und/oder Experten der Sicherheits- und Außenpolitik. Sie müssen zeigen – auch auf der Grundlage dessen, was sie in der Vergangenheit behaupteten – dass sie bestimmte Entwicklungen vorhersagen können, dass sie wichtige neue Handlungsfelder benennen können und dass sie auch in einer emotional aufgeladenen Situation einen kühlen Kopf bewahren.

In der politischen Debatte bricht Jean-Pierre Filiu, also ausgerechnet der, der als letztes zum Expertenquartett hinzu stieß, einen etablierten Konsens. Er bekennt sich ausdrücklich zu seinen politischen Sympathien und legt dabei keinen Wert auf wissenschaftliche und intellektuelle Gepflogenheiten. Er ist emotional engagiert und bringt seine persönliche Bindung an die Region zum Ausdruck – eine Region, die ihm am Herzen liegt. Auch Kepel fühlt sich der Region persönlich verbunden, wie zuletzt in seinem bei Gallimard erschienenen Buch „Passionen“ sichtbar wurde. Und doch spiegelt sich in dem Titelbild seines Buches „Terror in Frankreich“, auf dem eine französische Fahne vom dschihadistischen Terror bedroht wird, aber auch in seiner Argumentation selbst, eine Unterteilung in „die“ und „wir“. Dagegen positioniert sich Jean-Pierre zwischen den Polen und bemüht sich um Gemeinsamkeiten. Das zeigt sich zum Beispiel in seinem Blog „Ein sehr naher Osten“ („Un si proche Orient“), den er seit den Anschlägen vom November schreibt. Dort heißt es im ersten Eintrag: „Nie war uns der Orient so nah wie jetzt, im Guten wie im Schlechten. Ein Orient, den die Händler des Hasses und der Gewalt versuchen, als das andere, das Fremde zu klassifizieren. Oder der Orient, der sich der Beschreibung von De Gaulle nicht widersetzt und tatsächlich nicht komplizierter ist als etwa Europa. Man muss nur Lust haben, ihn zu verstehen“.

Auch wenn er andere Worte verwendet, plädiert Olivier Roy dafür, dem Islam das Besondere zu nehmen. So verweist er auf Gemeinsamkeiten der apokalyptische Tendenzen insbesondere im Judentum oder dem Protestantismus hinweist. Die Krisen, in denen sich heute ein Teil der Gläubigen befindet, stehen aus seiner Sicht für einen allgemeinen Zerfall kultureller Gewissheiten.

Eher ein gesellschaftliches oder vielmehr ein politisches Thema?

Tatsächlich ist es diese kulturelle Dimension, die uns zu einer weiteren Konfliktlinie bringt, bei der der Zugang zur muslimischen Welt grundsätzlich zu Diskussion steht: Geht es um Kultur und Gesellschaft – oder um Politik? Oder um Politik? An diesem Punkt mischen sich die Allianzen neu: Roy und Kepel stehen Filiu und Burgat gegenüber. Burgat ist wohl derjenige, der die Rolle des Politischen in seinen Betrachtungen der Phänomene, mit denen wir es heute zu tun haben, am stärksten herausstellt. Dies macht seine scharfe Reaktion auf die Thesen Roys verständlich. So wirft er Roy vor, die Realitäten der „arabischen politischen Landschaft“ auszublenden, wenn er den Dschihadismus als eine „nihilistische Revolte“ beschreibt und sie dadurch „entpolitisiert“. Für ihn „wirft der ebenso alte wie vage Vorwurf des ‚Nihilismus‘ (der bereits gegen die russischen Dekabristen erhoben wurde), mit dem die Radikalität ‚unserer‘ Dschihadisten erklärt wird, mehr Fragen als Antworten auf.“ Burgat hingegen versteht Roys Polemik gegen das „alte Lied von der Dritten Welt“ – wahrscheinlich nicht zu Unrecht – auch als Kritik an ihm selbst.

Was die Politik angeht, so sind es vor allem drei aktuelle Themen, an denen sich wesentliche Konfliktlinien festmachen lassen. Hier geht es zunächst um die historischen Hintergründe des Konfliktes. Für diejenigen, die über die arabische Welt und ihre Verbindung zu Frankreich arbeiten, bilden die Kriege in Algerien und der Nahost-Konflikt wichtige Einschnitte. Insbesondere für Burgat, der dort lebte, ist Algerien der Ort, an dem alles begann – auch was die Beziehungen des politischen Islams und Frankreich betrifft. Der erste Akt in der Geschichte Frankreichs und des islamistischen Terrorismus spielte danach im algerischen Bürgerkrieg. Es war im Kontext dieses Krieges, dass sich die Forschungen einiger dieser Experten beweisen mussten. Zugleich wurden die Auswirkungen dessen, was sich „da unten“ abspielte, erstmalig auch unter den Migranten der zweiten Generation sichtbar, die sich einer Form des Widerstandes anschlossen. So veröffentlichte François Burgat 1995 das Buch „Im Angesicht des Islamismus“, während Gilles Kepel bereits 1987 „Die Vororte des Islam“ herausbrachte. In seinem Werk konzentrierte sich Burgat auf die algerischen Akteure und Vordenker des Islamismus und nahm deren Überlegungen und Handeln ernst, während die allgemeine Stimmung auf eine Verteufelung des Islamismus setzte. Dagegen stellt Burgat die Fehler der Außenpolitik Europas und Frankreichs in den Mittelpunkt seiner Analyse der Radikalisierung und des Erstarkens des Dschihadismus und wendet sich damit auch gegen die Vorstellung, der aktuelle mörderische Wahn ließe sich aus sich selbst heraus verstehen.

Den Argumenten Roys (keine Einteilung in Generationen bei den Dschihadisten, ein wichtiger Anteil von Konvertiten, soziale Gruppen, die mehr von der Gewalt als von der Religion angezogen werden), setzt Burgat eine Analyse entgegen, welche die historische Dimension miteinbezieht. Als er nach den Attentaten auf Charlie Hebdo im Senat sprach, betonte François Burgat, es sei nicht ausreichend festzustellen, dass „einige zum Stift und andere zur Kalashnikov“ griffen. Aus seiner Sicht sei es notwendig zu verstehen, dass die Attacken, die in Paris stattfanden, auch eine Antwort auf die Bomben wären, die Frankreich auf Syrien abwirft, oder die durch die französische Diplomatie auf Gaza fallen würden.

Die zweite politische Kontroverse bezieht sich auf eine jüngere Entwicklung: den Arabischen Frühling. Dabei sei angemerkt, dass die meisten Experten des politischen Islams einen Moment schweigend verharrten, bevor sie uns schließlich einen „islamistischen Winter“ vorhersagten. Eine Ausnahme machte Olivier Roy, für den die Ereignisse ein Ausdruck einer „post-islamistischen Revolution“ darstellten, aber auch Filiu, der sich umgehend für eine Emanzipation der Bevölkerungen und Gesellschaften einsetze und den Kampf gegen den Autoritarismus hochhielt.

Während sich einige an dem erfreuten, was seit Dezember 2010 die arabische Welt erschütterte, hielten sich andere zurück und entwickelten Prognosen, die postkolonial geprägt waren. Dabei waren es weniger die Anschläge in Frankreich als vielmehr die Krise und schließlich der Krieg in Syrien, die das Interesse an den „Überbringern der schlechten Nachrichten“ wiederbelebten und damit auch die etablierten Vorstellungen vom Islam und dem Krieg der Religionen als Erklärung für die aktuellen Konflikte wieder auf die Tagesordnung setzen. François Burgat, der an seiner politischen Lesart festhielt, stellte sich schnell an die Seite derer, die den Sympathisanten der Revolutionen Naivität vorwarfen. So betonte Burgat, dass der politische Islam auch heute noch ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der gesellschaftlichen Realitäten in den arabischen Ländern sei – während Roy einen Bedeutungsverlust der Islamisten in der Politik der arabischen Länder ausmacht.

Der dritte politische Streitpunkt betrifft die Frage der Islamophobie. Die Verwendung des Begriffs war Gegenstand einer Auseinandersetzung, an der nicht nur Islam-Experten beteiligt waren. Dabei geht es – jenseits eines Streit um den Begriff selbst – um die Anerkennung von Muslimen als Muslime als Opfer von Hassverbrechen und Stigmatisierungen. Die Debatte knüpft an die Diskussionen rund um das Gesetz von 2004 an, das religiöse Symbole an Schulen regelte. In seiner jüngsten Veröffentlichung kommt Gilles Kepel auf diese Debatte zurück und beschreibt den Vorwurf der Islamophobie als ein leeres „Mantra“, während er zugleich eine zunehmend islamisierte französische Community ausmacht. Im Gegensatz dazu bestreitet Olivier Roy die Vorstellung, dass es überhaupt eine muslimische Community in Frankreich gäbe – während er durchaus eine immer stärkere Islamophobie in Frankreich ausmacht. So schrieb er nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo: „Die Rede ist entfesselt und wir sehen uns heute mit der Islamophobie des freundlichen Mannes von nebenan konfrontiert. Und das in einer Zeit, in der jeder gerne anführt, einen guten muslimischen Kumpel zu haben. […] Wir werfen Muslimen vor, kommunitaristisch zu sein, zugleich verlangen wir von ihnen aber, dass sie als Gemeinschaft und kollektiv gegen Terrorismus aufstehen. Dies ist, was man eine double-bind-Situation nennt: Sei das, was ich von euch verlange, nicht zu sein! Und die Antwort auf eine Zwangslage ist immer unbefriedigend.“

Im Unterschied dazu sieht Kepel in der „Erfindung“ der Islamophobie eine „weltweite Kampagne, die durch die Medien der Region [des Mittleren Orients] getragen wird und die die Obsession mit der ‚Islamophobie’ in Kreisen verbreitet, die weit über die üblichen Netzwerke der Salafisten und Muslimbrüder hinausgehen. Letztere waren es, die den Begriff in den 1990er Jahren erfanden, um schon die geringste Kritik am religiösen Dogma zu kriminalisieren, zu dessen Verfechter sie sich gemacht hatten. Zugleich konstruierten sie Parallelen zum Antisemitismus, um von der moralische Legitimation als Opfer zu profitieren und den Vorwurf zugleich gegen Israel und den Zionismus zu wenden.“

Dieses Zitat greift Vincent Geisser in seinem weiter oben erwähnten Artikel in Orient XXI auf: „Es ist erstaunlich, wie sich ein angesehener Politologe wie Gilles Kepel auf eine These beziehen kann, die bereits durch viele Forschungen, die auf die lange Geschichte des Begriffes im Französischen und auf seine gängige Verwendung in der angelsächsischen Forschung verweisen, widerlegt wurde. Schlimmer noch, eine solche These macht engagierte Antirassisten für die Verbreitung des Dschihadismus verantwortlich. Dabei leisten diese Antirassisten mit ihrem Engagement gegen Islamophobie und dadurch, dass sie das Thema auf die Tagesordnung setzen, oft einen Beitrag, um extremistischen und verzweifelten Reaktionen vorzubeugen.“ Für Kepel bedeutet die Anerkennung der Islamophobie als eigenständigem Phänomen jedoch, das Spiel der Dschihadisten mitzuspielen, die sich der Opferrolle bedienen.

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen verleitet dazu, diese Unterschiede auf lang zurückliegende Meinungsverschiedenheiten zurück zu führen. Abgesehen von den jeweiligen politischen Einstellungen der verschiedenen Experten – egal ob sie nun explizit oder implizit formuliert werden – haben sich in den vergangenen dreißig Jahren aber auch die Forschungsfelder selbst verändert: Die Welt von 1988 ist nicht mehr die von 2016 – und unsere Experten für den politischen Islam haben neue Perspektiven für sich entdeckt. Olivier Roy konzentriert sich zunehmend auf die Beobachtung des Islams in Frankreich und in Europa und wendet sich dabei gegen die Vorstellung einer „muslimischen Gemeinschaft“, die in den Medien und im politischen Diskurs dominiert. Dagegen bewegt sich Kepel zwischen den Banlieues und Beschreibungen aus weiter entlegenen Regionen der arabischen Welt – Gegenden, mit denen er vor allem über seine Schüler verbunden ist: die Golfregion, Irak und Iran. François Burgat und Jean-Pierre Filiu wiederrum bleiben ihrem Thema treu: die gesellschaftliche Kultur des Nahen Ostens und der islamischen Welt.

Diese Unterschiede hallen in den aktuellen Debatten wider. Burgat brachte 2013 zusammen mit Bruno Pauli das Werk „Kein Frühling für Syrien“ heraus, in dem er die syrische Revolte aus seiner Warte im französischen Institut français du Proche-Orient in Beirut beschrieb. Filiu dagegen veröffentlichte im gleichen Jahr „Ich schreibe Ihnen aus Aleppo. Aus dem Herzen der Revolution in Syrien“, während Roy und Kepel die jüngsten Wandlungen des Dschihadismus und des politischen Islams von Europa aus beobachteten. Filiu und Burgat sehen Frankreich danach in einer geopolitischen Kriegssituation, die weit über das Territorium Frankreichs hinausreicht. Dadurch werden Frankreich und die Franzosen zu Akteuren in einem Konflikt, der sich andernorts abspielt, der aber Schritt für Schritt auch französischen Boden erreicht.

Im Unterschied dazu wendet sich Gilles Kepel vehement gegen die Rede von einem „Krieg“: Er unterscheidet zwischen dem Krieg im Nahen Osten und dem Kampf gegen Radikalisierung, wie er in Frankreich stattfindet.

Olivier Roy hingegen beharrt auf einer Verwandtschaft zwischen der politischen Gewalt von white supremacists und jener der Kämpfer des Daesh („Islamischer Staat“). Dazu schreibt er: „Die Gewalt, der sie anhängen, ist eine moderne Gewalt. Sie töten wie die Massenmörder es in Amerika oder Breivik in Norwegen tun, kaltblütig und seelenruhig.“ Damit schließt er die Nachkommen der maghrebinischen muslimischen Einwanderung in die französische Gesellschaft ein: Die Terroristen sind „unsere Kinder“ – womit er zugleich seine eigene Position und die seiner Kollegen in der Forschung und in den Medien in Frage stellt. Warum, so ließe sich in dieser Logik fragen, müsste man dann überhaupt den Hintergründen des Dschihadismus nachgehen, um über die Anschläge von Paris zu sprechen? Wozu benötigen wir dann überhaupt Experten, die des Arabischen mächtig sind, warum neue Forschungsinstitute, warum einen guten Draht in die Politik, wie es Gilles Kepel nicht müde wird, zu betonen?

Unklarheiten?

Keinem dieser ehrenwerten Forscher mangelt es an öffentlicher Anerkennung, dennoch beklagen sie alle immer wieder, weder verstanden noch angemessen gehört zu werden.

Paradoxerweise zeigt sich gerade in der Intensität der Auseinandersetzungen untereinander, aber auch in Abgrenzung zu anderen, die Bedeutung ihrer Arbeiten. Der Appell des in Algerien geborenen Islamwissenschaftlers Jacques Berque „an das immer wieder auferstehende Andalusien, von dem wir immer noch die Trümmer, aber auch die unerschütterliche Hoffnung mit uns herumtragen“, klingt heute weit hergeholt und illusorisch. Gleichwohl steht der Appell für die emotionalen und intellektuellen Verbindungen zwischen den beiden Ufern des Mittelmeeres, die in den Expertenmeinungen, die wir heute ständig hören, oft nur noch schwer zu erkennen sind. Die Sichtbarkeit der vier Forscher, und derer, die ihnen in unserer medialen, intellektuellen und universitären Landschaft nachfolgten, bleibt jedoch, ob wir es wollen oder nicht, ein Zeichen unserer Verbundenheit und unserer Beziehungen mit der arabischen und muslimischen Welt. Diese Verbindung ist von Konflikten gebrochen und geprägt von einer historisch tradierten Zerrissenheit, aber sie nährt sich aus Kenntnissen übereinander – und unterliegt dem Einfluss der Veränderungen der französischen Gesellschaft selbst.

Dieser Text ist eine leicht gekürzte Fassung eines Beitrages in „Revue du Crieur“ 03/2016. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags La Decouverte. Übersetzung: Folashadé Ajayi/Julia Gerlach