Islamische Jugendarbeit – Zwischen Empowerment und Missionierung

Jugendarbeit spielt in vielen islamischen Vereinen eine wichtige Rolle. Im Mittelpunkt steht dabei oft der Gedanke, dass erst ein gestärktes Selbstverständnis als Muslim eine Auseinandersetzung und Begegnung mit der Gesellschaft erleichtert, schreibt Götz Nordbruch (ufuq.de) in diesem Artikel.

screenshot haus des islamDie Zeit der Hinterhofmoscheen ist vorbei. In den vergangenen Jahren ist der Islam in Deutschland nicht nur vielfältiger, sondern auch sichtbarer geworden. Immer mehr islamische Vereine und Initiativen bemühen sich, als Interessensvertretung von Muslimen auch jenseits einer muslimischen Öffentlichkeit Gehör zu finden. In dieser neuen Sichtbarkeit spiegelt sich ein gewandeltes Selbstverständnis, das von Muslimen in Deutschland gelebt wird. Anders als noch in den 90er Jahren beschränken sich die Aktivitäten islamischer Vereine nicht mehr allein auf die Mitgliedschaft, sondern richten sich oft auch an die nicht-muslimische Umwelt. In diesem Wunsch, den Islam als selbstverständlichen Teil der Gesellschaft zu etablieren, zeigt sich der demographische Wandel der muslimischen Bevölkerung Deutschlands: Für die zweite und dritte Generation der Einwanderer aus der Türkei, Afghanistan oder dem Libanon tritt der Gedanke der Rückkehr in die Herkunftsländer der Eltern in den Hintergrund – ihr Lebensmittelpunkt ist Deutschland.

Auf der Suche nach der jungen Umma: Anerkennung, Identität, Orientierung

Diese lebensweltliche Neuorientierung äußert sich auch in der Jugendarbeit, die von islamischen Vereinen angeboten wird. Bereits in den 70er und 80er Jahren bestand ein wichtiger Teil der Arbeit islamischer Vereine in Aktivitäten, die über den unmittelbar religiösen Bereich hinausgingen. Moscheegemeinden und Kulturzentren boten Anlaufstellen in sozialen, kulturellen und politischen Angelegenheiten. Inhaltlich orientierten sich diese Angebote auch an dem Interesse, die vereinsnahe Jugend an die Religion und die Traditionen der Elterngeneration zu binden.

Bildschirmfoto 2015-07-03 um 09.25.31Dr. Götz Nordbruch ist Islam- wissenschaftler und Mitarbeiter von ufuq.de.

In den vergangenen Jahren hat die Vereinsarbeit mit Jugendlichen weiter an Bedeutung gewonnen. Angesichts der veränderten Interessen und Bedürfnisse junger Muslime sehen sich etablierte Verbände wie die DITIB oder der Zentralrat der Muslime in Deutschland gezwungen, mit neuen Angeboten um Jugendliche zu werben. Über die Mitgliedsgemeinden erreichen Verbände wie die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş mit ihren Sommerfreizeiten und anderen Freizeitaktivitäten bundesweit zehntausende Jugendliche. Auch kleinere Vereine wie der Deutschsprachige Muslimkreis (DMK) Berlin werben mit Sommerfreizeiten um Jugendliche. Der Verein verspricht eine „tolle Zeit mit Natur, Spiel, Sport und Lernen in islamischer Atmosphäre“. Der hessische Verein Haus des Islam wirbt mit ähnlichen Fahrten an den Eutersee, in den Odenwald oder in die Röhn. Auch hier geht es um Abenteuer und Freizeit: ”Kurz vor Mitternacht, wenn es im Odenwald richtig duster ist, werden die Gruppen an einem unbekannten Ort ausgesetzt. Mit Karte und Kompass gilt es zum Lager zurückzufinden. Und spätestens dann werden aus den unsportlichsten Stadtkindern wahre Junglekämpfer, dass selbst Indiana Jones die Kinnlade runterfällt.“ (hausdesislam.de)

Auch online-Initiativen wie die Multimedia-Portale waymo.de oder sogesehen.tv, die im Umfeld des ZMD entstanden sind, sind Ausdruck des Bemühens, Jugendliche an die Verbandsarbeit zu binden. So konzentriert sich waymo.de ausdrücklich auf „sinnstiftende und unterhaltsame Medien“ (waymo.de) rund um den Islam. Dabei geht es auch um den Versuch, die Deutungshoheit über religiöse Belange zu bewahren. In verschiedenen Studien wird auf eine wachsende, aber zugleich gewandelte Religiosität junger Muslime hingewiesen. Anders als für viele Muslime der ersten Generation, für die der Islam ein selbstverständlicher, aber nicht notwendig nach außen getragener Teil des eigenen Alltags ausmachte, gewinnen religiöse Symbole und Praktiken unter jungen Muslimen zunehmend identitätsstiftende Bedeutung. Der demonstrative Bezug auf den Islam über das Tragen des Kopftuchs oder den Wunsch, auch in Schulgebäuden zu beten, steht für das Bedürfnis, sich gegenüber der Umwelt als Muslime und damit als Teil der umma, der islamischen Gemeinschaft, erkennen zu geben. Gleichzeitig verlieren die Vertreter etablierter Vereine und Verbände an Einfluss, wenn es darum geht, Antworten auf religiöse Fragen des Alltags zu finden. Dabei spielt die sprachliche und kulturelle Distanz vieler Imame und religiöser Gelehrter zu den Lebenswelten junger Muslime eine wichtige Rolle. Auf der Suche nach überzeugenden Antworten, die dem Wunsch nach einem modernen islamischen Leben in Deutschland gerecht werden, wenden sich junge Muslime mittlerweile häufig an alternative Autoritäten, die ihnen religiöses Wissen und Orientierung mit Bezug auf den deutschen Kontext vermitteln können. Die zahlreichen deutschsprachigen islamischen Internetangebote, die von Einzelpersonen oder Vereinen jenseits der etablierten Verbände betrieben werden, sind wichtige Quellen, über die sich junge Muslime informieren. Statt des Imams in der Moschee verspricht ihnen „Scheich Google“ Auskunft über Fragen, die in ihrem Alltag auftauchen.

Junge Muslime werden dabei zunehmend auch selbst aktiv, ihre Interessen zu vertreten. Waren sie in der Vergangenheit hauptsächlich Zielgruppe, treten sie immer öfter auch als Akteure in Erscheinung. Nicht selten beinhaltet dieses Engagement junger Muslime eine Abgrenzung von der Elterngeneration, deren Lebensstil und Orientierung an den Herkunftsländern als unzeitgemäß wahrgenommen werden. Schließlich ist die Gründung von Vereinen und Initiativen wie der Muslimischen Jugend in Deutschland, der Lichtjugend oder der Lifemakers auch Ausdruck eines Selbstverständnisses als aktive Bürger in der hiesigen Gesellschaft. „Jung, Muslim, deutsch“ lautet beispielsweise das Motto, mit dem die MJD um Mitglieder wirbt. Die bisweilen sehr konservative Ausrichtung dieser Initiativen, die von den Sicherheitsbehörden als Ausdruck einer Abgrenzung interpretiert wird, steht aus Sicht ihrer Mitglieder einem bürgerschaftlichen Engagement ebenso wenig entgegen wie der Hoffnung auf schulischen und beruflichen Erfolg. So verhilft die MJD nach eigener Einschätzung „den jungen Muslimen zu einer selbstbewussten Haltung und unterstützt sie dabei, sich aktiv in die hiesige Gesellschaft einzubringen. (…) Statt ‚rumzuhängen’ können die Jugendlichen ihre Religion kennen lernen und praktizieren, Aktivitäten planen und organisieren und in der Gemeinschaft mit anderen muslimischen Jugendlichen viel Spaß haben.“ (mjd-net.de) Dies spiegelt sich in den Aktivitäten und Themen, denen sich diese Initiativen widmen. Neben ehrenamtlichem Engagement im sozialen Bereich gehören auch Umweltschutz, Bildung und Berufsvorbereitung zu den Themen, die von den Vereinen behandelt werden.

Auch in dieser Hinsicht kommt dem Internet eine große Bedeutung zu. Ähnlich wie Nicht-Muslime verbringen auch muslimische Jugendliche einen wichtigen Teil ihres Alltages in Sozialen Netzwerken und Online-Diskussionsforen. Das islamische Online-Magazin Cube-Magazin ist ein Beispiel für das Interesse, islamische Themen mit dem Engagement in der Gesellschaft zu verbinden. Die Betreiber wenden sich gegen die weitverbreitete Selbstwahrnehmung der Muslime als passive Opfer. Sie sehen ihre Aufgabe darin, ”den Blickwinkel in der Gesellschaft zu erweitern und somit ein wichtiges Gegengewicht zur derzeitigen Medienberichterstattung zu sein. Die Identität muslimischer Jugendliche zu stärken und einen selbstbewussten Umgang mit dem Islam nahezulegen ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.” (cube-mag.de) Initiativen wie das Zahnräder Netzwerk, muslim.tv oder myumma.de versuchen gezielt, online- und offline-Welten miteinander zu verbinden. So beschränken sich diese Initiativen nicht nur auf Informationsaustausch im Internet, sondern bieten auch ein Forum zur Organisation von Veranstaltungen und gemeinsamen Aktivitäten vor Ort. Diese Initiativen bieten die Erfahrung von Gemeinschaft, Anerkennung und Zugehörigkeit, die viele junge Muslime in der Mehrheitsgesellschaft vermissen.

Empowerment und Missionierung

Die Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung ist ein wichtiger Bestandteil des Alltags junger Muslime. Zahlreiche Studien haben die Bedeutung entsprechender Erfahrungen in Schule, Beruf und Freizeit herausgearbeitet. Ereignisse wie der Mord an der ägyptischen Muslima Marwa El-Sherbini in Dresden im Juli 2009 haben dabei eine ähnliche Wirkung wie die rassistischen Brandanschläge von Mölln und Solingen zu Beginn der 90er Jahre. Das ”Trauma von Mölln” (Deniz Yücel, taz.de, 10. Feb. 2008) äußerte sich in den Jahren nach der Wiedervereinigung bei vielen jungen Migranten in einem verstärkten Rückzug auf die ”eigene” Identität als Türke, Araber oder Albaner. Ähnlich wie eine solche Selbstethnisierung, die auch als Reaktion auf Fremdzuschreibungen und rassistische Diskriminierung zu verstehen ist, steht der Rückbezug auf den Islam in einem solchen Zusammenhang. Während sich Vereine wie die MJD ausdrücklich gegen die Selbstwahrnehmung als Opfer wenden, betonen andere Vereine die reale oder vermeintliche Islamfeindlichkeit in der Mehrheitsgesellschaft und nutzen die damit verbundenen Ängste, um zu einer Rückbesinnung auf die islamische Gemeinschaft zu mahnen.

Die Zugehörigkeit zur umma erscheint dabei ausdrücklich als Empowerment, das einen selbstbewußten Umgang mit den Erfahrungen in der Gesellschaft ermöglicht. So beschreibt die IGMG die Ziele ihrer Jugendarbeit als Stärkung junger Muslime in ihrer Zugehörigkeit zum Islam. ”Unser Anliegen ist es, unsere Kinder so zu erziehen, dass sie ihre religiösen und kulturellen Identitätsmerkmale erlernen und bewahren und so ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen können”, heißt es in einer Darstellung der IGMG-Bildungsabteilung. Ähnlich wie im Falle der MJD gilt diese Ausrichtung manchem Beobachter als integrationsfeindlich, da sie parallelgesellschaftliche Strukturen befördere. Demgegenüber sieht der Anthropologe Werner Schiffauer in dieser Vereinsarbeit einen Ansatz, der durchaus integrative Wirkung entfalten könne. Aus seiner Sicht steht der Gedanke des Empowerments gerade für die Möglichkeit, Muslime als handelnde und gestaltende Akteure zu stärken.

Die Ambivalenz eines solchen Rückbezug auf die Gemeinschaft der Muslime, die Schutz in einer vermeintlich feindlichen Umgebung bietet, wird in den Aktivitäten aus dem salafitischen Spektrum deutlich. Rassismus und islamfeindliche Diskurse, wie sie zuletzt in den Diskussionen um die Thesen Thilo Sarrazins auch in der gesellschaftlichen Mitte zu beobachten waren, sind für sie Anlass, den Islam und die Gemeinschaft der Muslime als einzige Alternative zu propagieren. Während Vereine wie Einladung zum Paradies des Kölner Predigers Pierre Vogel vor einem drohenden Holocaust an Muslimen warnen, verweisen andere Akteure auf historische Erfahrungen aus der Frühzeit des Islam. Ähnlich wie die Anfeindungen gegen die islamische Gemeinde um den Propheten Muhammad im frühen 7. Jahrhundert interpretieren sie die aktuellen Ereignisse in Deutschland als Aufforderung, sich umso mehr auf den Islam zu besinnen. „Es ist ein Zeichen des Guten auf Allahs Weg, liebe Geschwister, dass wir uns fremd und allein gelassen fühlen unter Ungläubigen. Der Freundeskreis, die Familie, alle Menschen, die ungläubig sind, verstehen diesen Weg nicht. Denn Allah hat ihre Augen und ihr Herz verschlossen“, heißt es auf der salafitischen Seite diewahrereligion.de. „So lange sie nicht sehen, so lange werden sie uns abweisen und wir uns fremd fühlen, auch da wo wir zu Hause sind. Der Islam verändert das ganze Leben.“

Die Deutung von Anfeindungen als Vorboten eines Sieges des Islam bietet gerade jungen Muslimen die Möglichkeit, ihre alltäglichen Erfahrungen der Marginalisierung sinn- und identitätsstiftend zu wenden. Gleichzeitig beinhaltet sie den Aufruf, den Islam nicht nur für sich, sondern als gesellschaftlichen Auftrag zu leben. Initiativen aus dem salafitischen Spektrum sehen in der Da’wa, „dem Ruf zum Islam“, eine persönliche Verpflichtung des Einzelnen. Diese Missionsarbeit richtet sich zunächst an andere Muslime, die sich der eigenen Lesart des Islam verweigern. Mit Initiativen wie dem „Kuffar-Watch“ (dajjal.tv), die vor den „Ungläubigen“ (arab. kuffar) warnen, denunzieren Vertreter des Salafismus religiöse und gesellschaftliche Unterschieden. Mit Verweis auf einen Koranvers, in dem die Muslime als „die beste Gemeinschaft” beschrieben wird, ”die für die Menschen hervorgebracht wurde” (Sure 3: 110), betonen sie die moralische Überlegenheit der eigenen Gemeinschaft. Ein wesentlicher Teil der Aktivitäten dieses Spektrums bestehen dementsprechend in der öffentlichen und offensiven Missionierung, die sich gleichermaßen an Muslime und Nicht-Muslime richtet. Im Mittelpunkt steht das Interesse, die unmittelbare Umwelt des Einzelnen entsprechend der eigenen Vorstellungen zu normieren und Abweichungen durch sozialen Druck zu sanktionieren. Mit Vorträgen in Moscheen, Stadthallen und Universitäten, vor allem aber auch mit Videobotschaften und –vorträgen im Internet ist es dieses Akteuren in den letzten Jahren gelungen, gerade unter Jugendlichen spürbaren Einfluss zu gewinnen. Angesichts der wachsenden Distanz junger Muslime gegenüber Imamen der traditionellen islamischen Verbände erscheinen die charismatischen und kenntnisreichen Prediger aus dem salafitischen Spektrum als glaubwürdige Alternativen. Das offensive Werben dieser Akteure um Personen wie den ehemaligen Gangsta-Rapper Deso Dogg, der in den vergangenen Monaten zu einem prominenten Fürsprecher des gewaltbereiten Salafismus wurde, steht für den Versuch, die street credibility dieser Persönlichkeiten für die Missionsarbeit unter Jugendlichen zu nutzen.

Was tun?

Die Attraktivität salafitischer Initiativen gründet nicht zuletzt in den vermeintlichen Antworten, die sie jungen Muslimen auf Erfahrungen mit Nichtanerkennung und Diskriminierung bieten. Das Fehlen von gesellschaftlich akzeptierten Vorbildern, die einen konstruktiven Umgang mit Identitätsproblematiken und Migrationserfahrungen aufzeigen könnten, begünstigt den vehementen Rückzug auf die umma, die islamische Gemeinschaft. Die Vorbehalte, die in der Mehrheitsgesellschaft gegenüber einem Selbstverständnis als deutsche Muslime bestehen, machen es für junge Muslime umso schwerer, einen selbstverständlichen Umgang mit der eigenen Biographie und Religiosität zu entwickeln. Die Debatte um die Thesen von Thilo Sarrazin brachte dabei aus Sicht vieler Muslime die Weigerung zum Ausdruck, Muslime auch als gestaltende Akteure in der Gesellschaft zu akzeptieren. Der Wunsch, sich als Muslime mit eigenen Interessen einzubringen, erschien danach gleichbedeutend mit einer ”Abschaffung Deutschlands”.

Die Förderung von Identitätsangeboten jenseits einer unveränderbaren deutschen Leitkultur auf der einen Seite und einer moralisch höherwertigen islamischen Gemeinschaft auf der anderen ist ein Ansatz, die gesellschaftliche Einbindung junger Muslime zu befördern. Entsprechende Angebote einer deutsch-muslimischen Identität, wie sie von Vereinen wie der Lichtjugend oder der MJD formuliert werden, stellen dabei nicht nur weite Teile der Mehrheitsgesellschaft vor eine Herausforderung. Auch in den etablierten islamischen Verbänden stößt eine Selbstverortung als muslimische Bürger Deutschlands noch immer auf Widerspruch. Umso wichtiger wäre die Bereitschaft, entsprechende Initiativen und Vereine junger Muslime als Akteure am gesellschaftlichen Alltag zu beteiligen – was eine kritische Auseinandersetzung mit ihren Inhalten und Zielen ausdrücklich einschließt. Auch islamische Vereine wie die MJD oder die IGMG stehen selbstverständlich in der Verantwortung, ihre Interessen gegenüber der Öffentlichkeit zu begründen.

Dies setzt eine grundsätzliche Anerkennung islamischer Vereine und Initiativen als gleichberechtigte Akteure mit legitimen Interessen, die eventuell auch von der Mehrheitsgesellschaft abweichen, voraus. In den Diskussionen, die in den vergangenen Jahren beispielsweise im Zusammenhang mit der Deutschen Islam Konferenz geführt wurden, stand diese prinzipielle Anerkennung bisweilen in Frage. Aus Sicht der islamischen Verbände beschränkt sich die gesellschaftliche und politische Einbindung oft weitgehend auf den Sicherheitsbereich, in dem islamische Akteure als notwendige Kooperationspartner akzeptiert werden. Dabei stößt nicht so sehr die Zusammenarbeit als solche auf Vorbehalte als das Fehlen vergleichbarer Initiativen in anderen Bereichen, in denen islamische Verbände seit Jahren eigene Interessen vortragen. Das öffentliche Drängen, die islamischen Verbände mögen sich in Sicherheitspartnerschaften gegen islamistischen Terrorismus einbringen, steht aus dieser Sicht im deutlichen Kontrast zum Widerstand, mit denen den Forderungen islamischer Verbände beispielsweise nach einer Einführung des islamischen Religionsunterricht begegnet wird.

Jenseits der gesellschaftspolitischen Ebene bieten sich verschiedene Ansätze, einer Radikalisierung junger Muslime über islamistische Akteure vorzubeugen. Auch hier steht die Öffnung von Vereinen und Einrichtungen der Mehrheitsgesellschaft für die Interessen und Bedürfnisse junger Muslime im Mittelpunkt. Die Erfahrung von Nichtanerkennung und Ablehnung in Sportvereinen oder Jugendzentren macht es umso attraktiver, sich in ”rein muslimische” Lebenswelten zurückzuziehen. Umso problematischer wirken sich Kürzungen im Sozialbereich aus, mit denen die Angebote öffentlicher Träger beschnitten werden. Auch hier werden die entstandenen Lücken in der Jugend- und Sozialarbeit nicht selten von islamischen Trägern gefüllt, die einen strikten Rückbezug auf die islamische Identität befördern.

Eine solche Öffnung für junge Muslime ist gerade auch im Internet überfällig. Angesichts der Bedeutung des Internet als Unterhaltungs- und Informationsmedium wäre es wünschenswert, junge Muslime ausdrücklich als Zielgruppe für Angebote im Bereich von Online-Unterhaltung und politischer Bildung ins Auge zu fassen. Auch hier geht es darum, Angebote zu schaffen, die junge Muslime an Themen und Erfahrungen ihrer nicht-muslimischen Altersgenossen binden. Jenseits einer Wahl zwischen einer fixen deutschen Leitkultur und dem Verweis auf die frühislamische Gemeinde böten sie Jugendlichen die Möglichkeit, einen konstruktiven Umgang mit der eigenen Identität und Biographie zu entwickeln.