In der Natur der Sache? (Muslimische) Religiosität und Radikalisierung – eine problematische Verknüpfung

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Religiosität und Radikalisierung? Angesichts des Selbstverständnisses und der Ideologie von salafistischen Strömungen unterschiedlicher Couleur mag diese Frage überraschen. In ihrem Beitrag erklärt Saba-Nur Cheema, warum es dennoch wichtig ist, genauer hinzuschauen.

Neun von zehn Leser*innen werden bei der Lektüre der ersten vier Zeilen bereits an den Islam, an Muslim*innen und an Terrorismus und Gewalt gedacht haben. Das ist die empirisch hinlänglich belegte Assoziationskette, die üblicherweise abgerufen wird: Islam ist gleich Terror und Gewalt.

»Der Islam« wurde im Rahmen redundanter Debatten und Diskurse in Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und den Medien zu einer rückständigen und potentiell gewalttätigen Religion erklärt. Muslim*innen stehen unter Generalverdacht, potentiell radikalisiert, gewaltbereit und demokratiefeindlich zu sein. Die »Mehrzahl der Menschen in Deutschland neigt in Bezug auf den Islam zu weitaus stärkeren negativen Stereotypen und Feindbildern als bei anderen Religionen« (Hafez/Schmidt 2015: 64). Diese Wahrnehmung hat unmittelbaren Einfluss auf das pädagogische Miteinander, denn muslimisch markierte Jugendliche werden lediglich als solche wahrgenommen, das heißt, sie werden auf ihre (vermeintliche) religiöse Zugehörigkeit reduziert – anders als Zugehörige anderer Religionen.

Narrative über Weltreligionen

Wenn eine Religion und die als ihr zugehörig markierten Menschen pauschal ins Negativlicht rücken, ist es notwendig, dieses Bild zu dekonstruieren. Geht es um religiös begründete Gewalt, liegt der Fokus meist auf dem Islam. Das funktioniert auch umgekehrt: Geht es um den Islam, dann geht es um Gewalt. Das Image des Islams ist erheblich schlechter als das anderer Weltreligionen.

Extremistische, fundamentalistische und repressive Bewegungen, die in anderen Religionen durchaus auch vorkommen, und die Gewalt, die von ihnen ausgeht, werden allerdings vorwiegend als Taten einer Randgruppe oder als Einzeltaten verbucht. Nur zwei Beispiele, die das gefestigte Bild ein wenig irritieren sollen: Wenn Gynäkolog*innen und Pfleger*innen, die Abtreibungen vornehmen, von christlichen Fundamentalist*innen bedroht und körperlich attackiert werden – werden dann alle Christ*innen dafür verantwortlich gemacht? Und wenn der rechtsradikale Massenmörder Anders B. Breivik seine Taten auch mit christlich-fundamentalistischen Motiven begründet – werden dann die Vertreter*innen der christlichen Kirchen dazu aufgefordert, sich öffentlich in aller Deutlichkeit von Breivik und seinen Terrorakten zu distanzieren?

Es geht bei diesen Beispielen nicht darum, religiös begründete Gewaltakte miteinander zu vergleichen oder die religiös begründeten Terrorakte der jüngsten Zeit aus dem Blick zu verlieren, sondern darum, ein Problem zu benennen: die kollektivierend-festschreibende Konstruktion von Menschengruppen.

Denn die Vorurteile und Zuschreibungen, die sich aus pauschalen Annahmen über Muslim*innen als potentiell gewalttätig ergeben, wirken sich negativ auf das Zusammenleben in einer religiös-pluralen Gesellschaft aus.

Saba_Portrait_05Saba-Nur Cheema (Dipl.-Pol.) ist Leiterin der Pädagogischen Programme und Projekte der Bildungsstätte Anne Frank – Zentrum für politische Bildung und Beratung Hessen, Dozentin an der Frankfurt University of Applied Sciences und Beraterin im Bereich der Radikalisierungsprävention.

Wahrscheinlich ist jede Religion in ihrem Anspruch radikal und gegebenenfalls bedrohlich. Das mag in der Natur der Sache liegen: Jede Religion behauptet von sich, die „richtige“ zu sein. Folglich kann es immer und überall Menschen geben, die diesen Wahrheitsanspruch als handlungsleitend verstehen und bereit sind, Gewalt als ein legitimes Mittel einzusetzen. Wird also dieser Anspruch mit Gewaltbereitschaft verknüpft, ist die demokratisch-pluralistische Gesellschaft in ihren Grundwerten von Menschenrechten, Schutz von Minderheiten und gewaltfreier Konfliktlösung bedroht.

Begegnung auf Augenhöhe: nicht, wenn es um den Islam geht

Sollten nun Religionen per se als gefährlich eingestuft werden? Natürlich nicht. Es ist wichtig, über religiös begründete Gewalt zu sprechen. Es ist eine zentrale Diskussion, die in einer pluralistischen Gesellschaft mit unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten geführt werden muss. Parallel zu Säkularisierungstendenzen ist die Religionszugehörigkeit für viele Menschen ein wesentlicher Identitätsaspekt und damit ein Bestandteil unseres Zusammenlebens. Religionszugehörigkeit sollte also stets mit Respekt und Wertschätzung wahrgenommen und anerkannt werden. Laut Habermas muss ein „komplementärer Lernprozess“ auf der Seite des Säkularismus sowie der Religionen stattfinden, der durch ein selbstreflexiv aufgeklärtes Miteinander eine Begegnung auf Augenhöhe möglich macht (Habermas 2009).

Schnell wird klar, dass eine Auseinandersetzung mit religiös begründeter Gewalt, wie sie aktuell stattfindet, alles andere als respektvoll und wertschätzend ist. Der Fußballnationalspieler Mesut Özil unternimmt die Haddsch – und die Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, fragt im Interview mit dem „Spiegel“: „Ist jemand, der nach Mekka pilgert, in der deutschen Demokratie richtig aufgehoben?“ (4.6.2016) Muslim*innen sind aufgefordert, sich von Gewalt und terroristischen Anschlägen zu distanzieren und gleichzeitig zu erklären, dass sie Demokratie gut finden. Muslim*innen sollen Stellung beziehen, ob der Islam oder gar sie selbst zu Deutschland gehören. Musliminnen müssen erklären, dass sie nicht gezwungen werden, Kopftuch zu tragen. Musliminnen gelten als Gefährdung für den Schulfrieden, wenn sie als Lehrerinnen ein muslimisches Kopftuch tragen. Muslimisch markierte Jugendliche werden als Problemfälle oder als Sicherheitsrisiko wahrgenommen. Es lässt sich feststellen, dass das Zusammenleben mit Muslim*innen in Deutschland nicht auf Augenhöhe stattfindet.

Religiös = Radikal?

Wenn Muslim*innen auf ihre Religionszugehörigkeit reduziert werden, geraten andere Identitätsmerkmale außer Acht. Aber wie drückt sich Religiosität eigentlich aus? Ist jemand schon religiös, weil er/sie betet? Oder weil er/sie sich an religiöse Essensvorschriften hält? Ist jemand religiös, weil er/sie ein Kleidungsstück oder ein religiöses Symbol trägt? Es empfiehlt sich, keine klare und starre Definition von religiösen Ausdrucksformen zu suchen. Würden nun zehn Menschen gefragt werden, was (muslimische) Religiosität bedeutet, würden vermutlich mindestens elf verschiedene Definitionen genannt. Kritisch hinterfragen müsste man, welches Verhalten und welche Handlungen überhaupt als religiös wahrgenommen werden.

Im pädagogischen Miteinander werden vermeintlich religiöse Handlungen oft als Radikalisierungsprozess gedeutet: Weil eine Schülerin nun begonnen hat, ein muslimisches Kopftuch zu tragen, wird sie radikal(isiert). Weil ein Schüler der Lehrerin die Hand nicht schüttelt, ist er radikal(isiert). Weil sich eine Gruppe von Schüler*innen einen Gebetsraum in der Schule wünscht, sind sie radikal(isiert). Dabei sind in all diesen Fällen keine weiteren Informationen bekannt – geht es tatsächlich um Jugendliche, die sich radikalisieren, oder um solche, die ihre Rechte wahrnehmen möchten (Stichwort: Religionsfreiheit)? Hat es die Lehrerin mit einem Schüler zu tun, der – ganz unabhängig von religiösen Aspekten – einer Autorität den Respekt verweigern möchte?

Die Wahrnehmung von muslimischer Religiosität als besonders gefährlich steht in unmittelbarem Zusammenhang mit politischen und medialen Diskursen und gängigen Narrativen und Religionsbildern. Wird ein*e Konvertit*in zum Buddhismus als gefährlich eingestuft? Eher nicht.

Eine andere Erzählung ist möglich

Bisher sind sich Wissenschaftler*innen und Expert*innen ausschließlich darüber einig, dass Radikalisierung ein undurchsichtiger Prozess ist, der durch viele unterschiedliche Faktoren bestimmt wird, und dass es zahlreiche Wege in radikale Szenen gibt.  Radikalisierung ist – egal in welcher Szene – eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, wenn Menschenverachtung, Gewaltbereitschaft und antidemokratische Einstellungen sichtbar und gelebt werden. So wird deutlich: Gewalt sollte als Gewalt und Radikalisierung als Radikalisierung thematisiert werden – und nicht exklusiv mit dem Islam in Verbindung gebracht werden.

Um ein gleichberechtigtes Miteinander von verschiedenen Religionen und Zugehörigkeiten zu etablieren, ist eine Korrektur des Negativimages, das gesellschaftliche und politische Debatten und Diskurse vom Islam zeichnen, dringend geboten – das kann schon in der Schule beginnen. Ein erster Schritt wäre es, demokratische Gegennarrative zuzulassen: Es geht darum, muslimische Religiosität als etwas Spannendes, Positives oder auch einfach als etwas ganz Normales anzuerkennen. Muslimische Schüler*innen haben das Recht, ihre Religion kennenzulernen, sich auszuprobieren und Religiosität in unterschiedlichster Weise zu erfahren und zu leben. Während wir uns von den Fremdzuschreibungen verabschieden, die den „bösen Islam“ und die „gefährlichen Muslim*innen“ produzieren, sollten bestehende demokratische Gegennarrative von (Nicht-)Muslim*innen gehört, geteilt und anerkannt werden. Schließlich muss der Islam, Muslim*innen und muslimische Religiosität als Normalität begriffen werden.

Der Artikel „In der Natur der Sache? (Muslimische) Religiosität und Radikalisierung – eine problematische Verknüpfung“ ist erschienen im Sammelband aus der Publikationsreihe der Bildungsstätte Anne Frank: Cheema, Saba-Nur (2017): „(K)Eine Glaubensfrage – Religiöse Vielfalt im pädagogischen Miteinander“, S.62-64. Wir danken der Autorin für ihr Einverständnis diesen Artikel hier zu veröffentlichen.

Zum Download des Sammelbandes http://www.bs-anne-frank.de/publikationen