Filmprojekte zu Islam, Islamfeindlichkeit, Islamismus und muslimischem Leben in Deutschland

In unserer Arbeit mit Jugendlichen spielen Kurzfilme eine wichtige Rolle. Sie eignen sich besonders, um aktuelle und vor allem lebensweltbezogene Themen aufzugreifen und Diskussionen anzuregen. Mittlerweile gibt es mehrere Filmprojekte, die sich den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus widmen. Welchen Ansatz verfolgen die Filme? Welche Themen sprechen sie an? Wen sprechen sie wie an? Was sind die Ziele und Stärken der verschiedenen Filme – und was vielleicht auch Schwierigkeiten? Nalan Yağcı stellt die Projekte vor.

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Nalan Yağcı hat Geschichte und Deutsch auf Lehramt studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin von ufuq.de. Sie ist Projektkoordinatorin des Vereins im Projekt „Alternativen aufzeigen!“, das ufuq.de zusammen mit der HAW Hamburg durchführt.

Medienprojekt Wuppertal: Muslimfeindlichkeit

Das zentrale Thema dieser Filmreihe ist die Diskriminierung von Muslim_innen in Deutschland und damit das Konzept des antimuslimischen Rassismus, das in mehreren Filmen von verschiedenen Seiten beleuchtet wird. Die Filme erschienen 2013 und können online bestellt werden. Die insgesamt sieben Filme dauern im Schnitt eine halbe Stunde. Sie richten sich an Pädagog_innen, die mit diesem Material mit Jugendlichen arbeiten wollen. Die Zielgruppe sind hier vor allem herkunftsdeutsche Jugendliche, die ausgehend von den Filmsequenzen eigene Vorurteile und Ressentiments erkennen und kritisch hinterfragen sollen. Gleichzeitig liefern die Filme Hintergrundinformationen zu Muslimfeindlichkeit als einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen, aber auch verschiedene Perspektiven von Menschen, die selbst Erfahrungen mit antimuslimischem Rassismus gemacht haben. Es ist damit bisher das einzige Filmprojekt, das sich diesem Thema ausführlich widmet und dabei auch muslimische Perspektiven zu Wort kommen lässt.

„Begriffswelten Islam“: Bundeszentrale für politische Bildung: Youtuber_innen gegen Islamismus

In dem Projekt „Begriffswelten Islam“, das bei Youtube auch mit den Hashtags #WhatIS und #travellingIslam versehen ist, entstehen Filme der bekannten Youtuber_innen Hatice Schmidt, MrWissen2go und LeFloid. Das Projekt selbst wird von der Bundeszentrale für politische Bildung durchgeführt. Die drei Youtuber_innen thematisieren in ihren Videos Begriffe aus dem Themenfeld Islam und Islamismus, die auch in ihrem normalen Youtube-Channel aufgegriffen werden. Alle drei waren schon vorher mit ihren Channels sehr erfolgreich. Das Projekt setzt auf die Popularität der Youtuber_innen und nutzt deren Reichweite unter Jugendlichen für die Sensibilisierung für die Vielfalt muslimischer Lebenswelten in Deutschland, islamistische Propaganda oder auch antimuslimische Hatespeach im Internet.

Wie groß das Interesse an einem solchen Angebot ist, wurde schon vor dem Projektstart deutlich: Zahlreiche Medien berichteten über das Projekt, noch bevor die ersten Videos online gingen. Die ersten Filme sind seit Mitte Oktober 2015 auf Youtube zu finden. Sie sind zwischen 3 und 15 Minuten lang und erklären zum Beispiel, was es mit dem Begriff Umma auf sich hat, oder auch, was Unglaube im Islam bedeutet und wann man überhaupt als ungläubig gelten könne.

Die Filme richten sich an Jugendliche. Die Kommentarspalten insbesondere bei Hatice Schmidt zeigen bereits jetzt, dass sich tatsächlich viele Jugendliche, die sich dort auch selbst als Muslim_innen positionieren, von den Filmen angesprochen fühlen und über die aufgeworfenen Themen diskutieren wollen. Die Moderation der Kommentare erfolgt durch ein Projektprofil namens „Experts for bpb“, wobei die Expert_innen – in der Regel sind dies Islamwissenschaftler – Fragen der User_innen beantworten und Hintergründe zum Islam liefern. Zum Beispiel, wenn es um die Frage geht, ob muslimische Frauen nichtmuslimische Männer heiraten dürfen.

Ob es sinnvoll und notwendig ist, dass Expert_innen im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung theologische Antworten auf religiöse Fragen geben, lässt sich sicherlich diskutieren. Vielleicht wäre es bei diesen Fragen hilfreicher, die Jugendlichen miteinander ins Gespräch zu bringen, und zu fragen, was für einen Umgang sie denn selbst gern mit diesen Themen hätten.

Muslimische Vielfalt: Filme vom JUMA-Projekt

Auch das Projekt „JUMA – Jung, muslimisch, aktiv“ produziert Filme zum Thema muslimisches Leben in Deutschland. Die Reihe ist mittlerweile preisgekrönt. Die Filme richten sich an Jugendliche, sind aber vor allem auch von Jugendlichen selbst gestaltet. In einem Film erzählen muslimische Jugendliche von ihrem Alltag in Berlin und davon, was sie ausmacht und was das Muslimischsein für sie ausmacht. Der Film ist knapp 20 Minuten lang und umfasst mehrere Selbstportraits junger Muslim_innen. Die Stimmen, die dabei zu Wort kommen, wirken authentisch – und man spürt, dass es den Protagonist_innen auch darum ging, einen eigenen Film zu gestalten und eigene Botschaften zu vermitteln. Junge Muslim_innen erscheinen hier nicht als passiv oder als „Opfer“, sondern als Akteur_innen, die ihr Leben unabhängig von oft widersprüchlichen Erwartungen von Familie und Gesellschaft selbst gestalten. Wenn es darum geht, junge Muslim_innen zu empowern, scheint dieser Film besonders vielversprechend.

Das Satirekalifat: Die Datteltäter

Hinter den Datteltätern verbirgt sich eine Gruppe junger Muslim_innen und Nichtmuslim_innen aus Berlin, die seit einigen Monaten auf Youtube ihr selbst ernanntes Satirekalifat errichten wollen. Mit kurzen Videos greifen die Datteltäter aktuelle Themen, zum Beispiel den Umgang mit Geflüchteten in Deutschland, die Propaganda des Islamischen Staates oder auch alltägliche Erfahrungen von Muslim_innen mit blöden Sprüchen und Ausgrenzung, auf und machen sich dabei über alles und jeden lustig: Sei es die Mini-Terrorzelle „IS-Trier“, EU-Bürokrat_innen und ihre Haltung zu geflüchteten Menschen oder antimuslimische Online-Kommentare. Es geht dabei um Klischees, Stereotype, aber auch Feindbilder, die mit den Mitteln der Satire aus muslimischer Perspektive auseinandergenommen werden. Sie wenden sich an muslimische und nichtmuslimische Jugendliche – und die Zahl derer, die die Videos bei Youtube aufrufen, ist zuletzt deutlich gestiegen. Etwa einmal in der Woche erscheint ein neues Video, so schaffen es die Datteltäter, auch an aktuellen Themen und Problemen dran zu bleiben. Um politische Bildung im eigentlichen Sinne geht es den Datteltätern nicht, für einen Einstieg in Gespräche über Politik und Gesellschaft eignen sie die Filme dennoch.

Gegenerzählung: Abdullah X

Die Filme von Abdullah X gibt es bisher nur auf englisch. Sie stammen von einem Aussteiger aus der islamistischen Szene in Großbritannien und kommentieren in Gestalt einer animierten Kunstfigur das Weltgeschehen – oder zumindest das, was davon in islamistischen Propagandavideos zur Sprache kommt. Die Videos bieten Gegenerzählungen, die die Propaganda dschihadistischer Organisationen hinterfragen, korrigieren und eine andere Sichtweise vorstellen anderen Sichtweise konfronierten, In den Filmen sagt Abdullah X selbst, er wolle mit Mythen und Vorurteilen aufräumen, die junge Muslim_innen über ihren Glauben haben und gleichzeitig das aufgreifen, was sie beschäftigt und bewegt. Die ersten Videos gingen 2014 bei Youtube online. Seither finden sich auf dem Channel von Abdullah X eine Vielzahl von Filmen mit sehr unterschiedlicher Länge. Die Zielgruppe ist hier sehr viel enger, als bei den anderen hier vorgestellten Filmprojekten. Die Videos richten sich in erster Linie an Jugendliche und junge Menschen, die bereits mit den Thesen islamistischer Propaganda in Kontakt gekommen sind. Gleichzeitg sind die Geschichten sehr anspruchsvoll, die Fragen, die dort diskutiert werden oft sehr philosophisch und abstrakt. Auch abgesehen von der fremdsprachlichen Hürde könnte hier eine Schwierigkeit in der Arbeit mit deutschsprachigen Jugendlichen liegen.

Die Animationsfilme der Ausstellung „Was glaubst du denn? Muslime in Deutschland“

Seit 2013 tourt die Ausstellung der Bundeszentrale für politische Bildung durch Deutschland und bringt Jugendliche im Rahmen von Peer Guide Begleitungen über die Vielfalt muslimischen Lebens in Deutschland, aber auch über Erfahrungen von Muslimfeindlichkeit und religiösem Extremismus ins Gespräch. Zur Ausstellung gehören kurze Animationsfilme von jeweils wenigen Minuten, in denen Informationen, aber auch Diskussions- und Denkanstöße zu grundlegenden Fragen angeboten werden, zum Beispiel: Wie funktionieren Religionen? Gibt es einen Islam oder viele Islame? Wie sieht muslimischer Alltag in Deutschland aus? Auf der begleitenden Website zur Ausstellung sind zwei dieser Filme, aber auch einige Videoportraits von jungen Muslim_innen, die ihre Geschichten innerhalb der Ausstellung erzählen, zu finden. Die Animationsfilme sind teilweise schon für die Arbeit ab Klasse 5 geeignet und haben vor allem den Vorteil, dass sie komplexe Themen kurz, anschaulich, aber auch differenziert erklären.

Aber das ist noch lang nicht alles: Es gibt natürlich nicht nur pädagagogische Projekte, die sich filmisch und auch online wirksam mit den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus auseinandersetzen. Oft sind es auch kleine Geschichten, Filme, die spontan entstehen und sich mit einer aktuellen Frage auseinandersetzen oder auch einfach einem Lebensgefühl als Muslim_in in Deutschland. Letztes Jahr war es das Video „Happy“ von Pharell Williams und die spontane Reaktion, erst von britschen Muslim_innen und dann von Muslim_innen weltweit, ihr eigenes „Happy-Video“ zu machen. Diese Videos haben sich online rasend schnell verbreitet und waren ein großer Erfolg, vielleicht sogar ein größerer als es unsere Projekt-Filme je sein können.