Empowerment durch Open-Data? Fachgespräch zur Nutzung von offenen Daten in der Antidiskriminierungsarbeit

Welche Chancen bieten offene Daten in der Antidiskriminierungsarbeit? Wie lassen sie sich in der politischen Bildung nutzen – und welche technischen Schwierigkeiten und methodischen Fallstricke gilt es dabei zu meistern? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Fachaustausches, der von ufuq.de am 12. Oktober 2017 in Berlin organisiert wurde.

input Datenschule Die kleine Runde von Expert_innen erarbeitete erste Überlegungen, wie sich offene Daten als Ressource in verschiedenen Bereichen der Antidiskriminierungsarbeit aufgreifen lassen. Dabei brachten wir Akteur_innen aus dem technischen Feld mit Expert_innen aus sozialen und politischen Institutionen zusammen. Mit dabei waren unter anderem die Open Knowledge Foundation mit ihrem Projekt Datenschule, das international arbeitenden peer-to-peer Projekt IPFS sowie ein Vertreter der Stadt Moers, die als Vorreiter im Bereich der offenen Daten und Transparenz auf kommunaler Ebene gilt. Mit ihnen diskutierten Vertreter_innen des Berliner Registers gegen rassistische und rechtsextreme Vorfälle, vom Antidiskriminierungsbüro Sachsen, Gladt e.V. und Hoaxmap, einem Projekt, das sich dem Aufdecken rassistischer Fake News widmet. Darüber hinaus brachten wissenschaftliche Expert_innen der Universität Münster und der Rosa-Luxemburg-Stiftung ihre Perspektiven in die Runde ein. Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung von offenen Daten kamen so zur Sprache.

Am Beispiel der Berliner Registerstellen konnte eingängig illustriert werden, wie komplex dieses Verhältnis oft ist. Als Dokumentationsstellen rassistischer und rechter Vorfälle generieren die Register vor allem durch die Meldungen von Betroffenen frei verfügbare Daten. Die Chroniken bilden jedoch stets nur einen Ausschnitt der Realität ab. Die Dunkelziffer ist weitaus höher, da viele Opfer von rassistischen Übergriffen sich nicht bei Polizei oder Registerstellen melden, teils auf Grund negativer Erfahrungen mit Polizeigewalt, teils auf Grund von Angst oder fehlender Hoffnung, dass das Öffentlichmachen etwas verändert. Ob Betroffene von rassistischen Übergriffen sich überhaupt an eine öffentliche Stelle wenden, hängt stark davon ab, ob die dort arbeitenden Fachpersonen selbst als vertrauenswürdig empfunden werden, weil sie beispielsweise Erfahrungen mit Rassismus teilen und an migrantische und geflüchtete Communities angebunden sind. In der Folge bedeutet dies, dass die Generierung offener Daten zu rassistischer Diskriminierung nur dann effektiv funktionieren kann, wenn die sozialen und politischen Rahmenbedingungen hierfür gegeben sind.

Ein Beispiel für die Potentiale offener Daten im Bereich der Antidiskriminierungsarbeit brachte Moritz Neujeffski von der Datenschule ein, der aufzeigte, wie in New York verschiedene Projekte nachweisen konnten, dass Polizeigewalt gegen schwarze US-Amerikaner_innen nach Auseinandersetzungen zwischen einzelnen schwarzen Bürger_innen mit der Polizei stark anstieg. Dagegen zeigten die Daten, dass Auseinandersetzungen zwischen weißen Bürger_innen und der Polizei nicht mit einem ähnlichen Anstieg von Kontrollen und Waffeneinsätzen verbunden sind. So verweisen die Daten auf die Bedeutung struktureller Rassismen für polizeiliches Handeln. Weitere historische Beispiele aus diesem Feld machten deutlich, dass durch gezielte Offenlegung und vor allem informierte Analyse von Daten diskriminierende Praxen problematisiert und bekämpft werden können. Darüber hinaus zeigt das Beispiel von der online Initiative wheelmap.org, wie die gemeinschaftliche Generierung offener Daten im Netz dazu beitragen kann, Barrierefreiheit weiterzuentwickeln. In einer Stadtkarte wird hier die Nutzer_innenfreundlichkeit im Hinblick auf Barrierefreiheit nach dem Ampelsystem markiert und ist für alle mit funktionierendem Internetzugang einsehbar.

Mit der Offenlegung von Daten können allerdings auch negative Effekte verbunden sein, wie am Beispiel von Schulstatistiken deutlich wurde. Kritik machte sich zum Beispiel an Kategorisierungen fest, die Schüler_innen mit dem Label „nicht-deutscher Herkunftssprache (ndH)“ markieren und damit unhinterfragt Fremdzuschreibungen und Stigmatisierungen reproduzieren. Darüber hinaus läßt sich nachweisen, dass die Offenlegung derartiger Statistiken rassistisches Handeln verfestigten kann, wenn etwa Eltern weiß-deutscher Schüler_innen bewusst Schulen mit hohem „ndH“ meiden. Damit könnten offene Daten eine Segregation im Bildungssektor weiter befördern. Dass es trotzdem sinnvoll und notwendig ist, entsprechende Daten zu veröffentlichen, wurde von anderen Teilnehmer_innen stark gemacht. Aus ihrer Sicht bietet erst die Dokumentation entsprechender Zahlen die Grundlage, um kritisch, aber eben auch mit konkreten Zahlen gestützte Phänomene zu diskutieren und daraus politische Positionen und Handlungsoptionen abzuleiten. Als Beispiel hierfür diente die Diskussion um den Mietspiegel, der durchaus stigmatisierende und polarisierende Wirkungen haben kann, aber auch Ausgangspunkt für wohnungspolitische Forderungen sei.

In Deutschland steckt die Nutzung offener Daten durch Bürger_innen und Zivilgesellschaft noch weitgehend in den Kinderschuhen. Der Austausch von Vertreter_innen von Tech-Projekten aus dem Bereich der open-data-Nutzung und Organisationen, die Betroffene von rassistischer, gender- und disability bezogener Diskriminierung beraten oder in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit aktiv sind, war für alle eine neue Erfahrung.

Wir hoffen, mit dem Fachaustausch einen ersten Anstoß zu geben und die Zusammenarbeit auszubauen. Die Ergebnisse werden in den nächsten Wochen in einem kurzem Thesenpapier veröffentlicht.  Die Veranstaltung wurde von ufuq.de im Rahmen des Projektes „Just and safer cities for all“ des European Forum for Urban Security (EFUS) organisiert. Im Sinne des Projekttitels ging es so nicht zuletzt auch darum, wie offene Daten als Grundlage für Aktionen gegen Hate Crimes und Diskriminierungen zur Schaffung von sichereren und sozialgerechter Städten beitragen können.

Das Projekt, an dem ufuq.de als Partner mitwirkt, wird im Rahmen des Rights, Equality and Citizenship Programme der Europäischen Union gefördert.