„Fremde Täter“? Reaktionen von Musliminnen und Muslimen auf die Fälle von sexueller Gewalt in der Silvesternacht

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Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten sind das beherrschende Thema in den Medien. In vielen Berichten und Kommentaren steht die Herkunft bzw. die Religion der Täter im Mittelpunkt. In sozialen Medien warnten zahlreiche Muslim_innen vor einer Kulturalisierung sexueller Gewalt. Für sie geht es darum, die Taten selbst zu verurteilen, unabhängig davon, wer sie begangen hat.

So schreibt Esra Lale, Redakteurin des Webmagazins IslamiQ: „Dass man diese scheußlichen und frauenverachtenden Übergriffe verurteilen und anprangern muss, ist eine Selbstverständlichkeit.“ Allerdings fordert sie, die „Debatte weg von Migrationshintergründen, hin zur eigentlichen Problematik zu lenken. Denn ja, es gibt ein ernstzunehmendes Problem in Deutschland, das sind jedoch nicht die ‚Nordafrikaner’ sondern die ansteigenden sexistischen und rassistischen Tendenzen innerhalb der gesellschaftlichen Mitte.“

Auch für die Berliner Juristin und Bloggerin Betül Ulusoy ist die aktuelle Diskussion eine vertane Chance: „Man denkt fast: Endlich! Endlich wird über Frauen, Frauenrechte, sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt gegen Frauen in Deutschland gesprochen – und dann reden doch wieder alle nur über Männer.“ Jede siebte Frau sei in Deutschland mit sexueller Gewalt konfrontiert, wobei die Täter aus ganz unterschiedlichen sozialen Schichten kommen. Dass es in den aktuellen Diskussionen vor allem um die kulturelle oder religiöse Herkunft gehe, gehe am eigentlichen Problem vorbei: „Wem nutzen die Diskussionen heute also wieder? Den Frauen jedenfalls nicht. Wir tun uns und vor allem Frauen keinen Dienst, indem wir das Thema Gewalt gegen Frauen von uns weg und anderen zu schieben. Auf ihrem Rücken werden erneut heuchlerische Debatten über fremde Männer geführt. Dabei müssen wir in Deutschland eigentlich wirklich reden – über Frauen.“

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland, sieht das ganz ähnlich. Für ihn handelt es sich schlicht um ein Problem des Strafrechts: „Unser Strafgesetz fragt nicht nach Herkunft und Religion bei einer Straftat, sondern nach dem Grad der Straftat, die am Ende vor einem ordentlichen Gericht beweiskräftig steht. Jeder andere Weg endet in Selbstjustiz nach Wildwest-Manier. Und das sind nicht die Werte, nach denen ich leben will.“

Es gibt allerdings auch andere Stimmen, die Vergleiche der Vorfälle zum Beispiel mit jenen auf dem Oktoberfest oder bei Karnevalsveranstaltungen zurückweisen. So fordert Ahmad Mansour, Psychologe und Mitarbeiter u.a. im Projekt „Heroes gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“, in einem Kommentar auf Facebook, mögliche Ursachen dieser Gewalt in traditionellen Geschlechterrollen ernstzunehmen: „Solche Taten gibt’s leider in unterschiedlichen Kulturen und die Gründe dazu können sehr unterschiedlich sein. Jedoch in manchen arabischen Kulturen führen Erziehungsmethoden die auf Tabuisierung der Sexualität und Abwertung von Frauen basieren zu solchen Taten. Es kommt seit Jahren in den arabischen Ländern immer wieder zu solchen Taten. Jeder, der einen gesunden normalen Umgang zwischen den Geschlechtern untersagt, darf sich nicht wundern, dass es dann zu solchen Taten kommt. Darunter leiden nicht nur blonde westliche Frauen, sondern auch jede Frau, die die krankhaften traditionellen Vorstellungen ablehnt und versucht frei zu leben. Es ist an der Zeit Ursachenforschung zu betreiben, ohne Hass zu schüren und ohne Probleme unter den Teppich zu kehren.“ Sein Kommentar stieß auch bei zahlreichen Musliminnen und Muslimen auf Zustimmung.

Anregungen für die Arbeit mit Jugendlichen zu diesem Thema finden Sie in dem Themenheft „Fatma ist emanzipiert, Michael ein Macho!?“ von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage und in dem Unterrichtsmodul „Überfällig oder überflüssig? Schutz von sexueller Identität im Grundrecht“ (Projekt Zwischentöne). Hilfreich für einen Einstieg ins Gespräch ist auch der Infofilm „Sexismus“ der Bundeszentrale für politische Bildung sowie das Video der Kabarettistin Jilet Ayse zum Begriff „Ausländerkriminalität“.

Hintergrundinformationen zu dieser Debatte bietet das Themenheft „Sexismus“ der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte 8/2014. Über die Verbreitung von Sexismus und Rassismus informiert die Studie „Die Abwertung der Anderen. Eine europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung“ von Andreas Zick, Beate Küpper und Andreas Hövermann (Berlin 2011).