Bilals Weg in den Terror: Warum radikalisieren sich Jugendliche?

Mit 14 Jahren wurde Florent zum Salafisten, drei Jahre später starb er in Syrien. Florent, der sich nach seiner Konversion Bilal nannte, ist nicht der einzige Fall einer solchen Radikalisierung, doch er ist besonders gut dokumentiert. In diesen Tagen ist eine Radio-Podcast-Serie erschienen, die viele Facetten seines Weges beleuchtet – eine gute Anregung für Pädagog_innen zum Weiterdenken.

bilal podcastEigentlich hieß er Florent und war ein lebenslustiger, interessierter und bei seinen Mitschüler_innen sehr beliebter Jugendlicher. Mit 14 begann er sich zu verändern, änderte seine Kleidung, ging plötzlich viel in die Moschee, konvertierte und nannte sich Bilal. Immer weiter zog er sich zurück. Manche seiner Freund_innen wandten sich von ihm ab, andere waren von dem neuen Lebenswandel fasziniert. Immerhin war Bilal lange Schulsprecher.

Radio-Journalist Philip Meinhold hat mit Menschen gesprochen, die Bilal kannten oder ihm nahestanden

Bald darauf wechselte er die Schule und verbrachte immer mehr Zeit in einer bestimmten Moschee. Es gab mehrere Versuche von seiner Mutter, von Freund_innen, Eltern von Freund_innen und von Seiten seiner Lehrer_innen, mit ihm in Kontakt zu bleiben, doch Anfang 2015 ist er weg. Er reist nach Syrien und schließt sich dort dem „Islamischen Staat“ an. Im Mai schickt er eine Audio-Botschaft: „Warnung an meine Brüder“ nennt er sie. Darin beschreibt er, wie brutal und unmenschlich der die IS-Kommandeure mit Freiwilligen wie ihm umgehen. Kurz darauf stirbt er. Unklar ist, wie oder wo. Wie konnte das passieren? Und: Hätte Bilals Tod verhindert werden können? Was ist schief gelaufen?

Workshop in Bilals Klasse

Diese Frage haben wir uns auch im ufuq.de-Team gestellt, denn ufuq.de war 2012 im Rahmen eines Präventionsprojektes, das wir zusammen mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg durchführten, an Florents Schule aktiv. Eine seiner Lehrerinnen hatte sich bei uns gemeldet und berichtete von ihren Sorgen, die ihr die Entwicklung in Florents Klasse machte. Sorgen um ihn, aber vor allem auch um seine Mitschüler_innen. Workshops wurden vereinbart, doch vergingen Monate, bis ein passender Termin gefunden werden konnte. Als es dann soweit war, verließ Bilal demonstrativ das Klassenzimmer.

Die Themen Syrien und Dschihadismus waren damals noch ganz neu. Zwar gab es seit Jahren immer wieder Fälle von jungen Erwachsenen, die in den Dschihad zogen, aber in der pädagogischen Arbeit gab es kaum Erfahrungen, wie damit umzugehen sei. Klar war uns, dass wir für Florent selbst keine Angebote machen konnten, denn unsere Workshops rund um Fragen zu Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus sollen Jugendlichen Zeit und Raum für Diskussionen geben und sie ermutigen, sich selbst Gedanken darüber zu machen, wie sie leben wollen. Das – so unsere Erfahrungen aus hunderten Workshops – schützt sie vor einfachen Schwarz-Weiß- und Feindbildern. 

Wir machen universelle Prävention, nicht Deradikalisierung

Auch, wenn Empörung und Wut über den Tod von Bilal überwiegen, so ist es doch immerhin gelungen, seine Mitschüler_innen davor zu bewahren, ihm auf seinem Weg zu folgen, niemand aus seinem Schulumfeld wurde mitgezogen. Dennoch hätten auch wir manches anders machen können: So war den beteiligten Lehrkräften wahrscheinlich nicht klar, dass wir im Rahmen unserer (universellen) Prävention keine Intervention für die Arbeit mit einzelnen bereits ideologisierten Jugendlichen anbieten. Vielmehr schützen und stärken wir Jugendliche in Gruppen (z.B. Schulklassen), die potentielle Zielgruppen salafistischer Ansprachen sind. Für die Gruppe war unser präventiver Ansatz denn auch sinn- und wirkungsvoll: Bilal verlor etwas von seinem Einfluss in der Klasse.

Die Arbeit mit radikalisierten Jugendlichen hat sich weiterentwickelt

Mittlerweile haben sich die Handlungsfelder von (primärer/universeller) Prävention und Deradikalisierung mit jeweils eigenen Ansätzen herausgebildet, und es gibt verschiedene Träger, die damit Erfahrungen gesammelt haben. Dennoch sind beide Bereiche zusammenzudenken: Bereits ideologisierte Jugendliche wirken immer auch in ihr Umfeld, sie missionieren, üben Druck auf andere aus. Im Falle Florents ging es insofern sowohl darum, ihn selbst zu erreichen als auch die Gruppe um ihn herum zu stärken und zu sensibisilieren. Prävention und Deradikalisierung müssen hier ineinander greifen. Nur im kontinuierlichen Austausch und mit verbindlichen Absprachen zwischen allen Akteuren, die zum Betroffenen Kontakt haben, ist eine Ideologisierung rechtzeitig zu erkennen und eine Radikalisierung zu verhindern. Schule allein – geschweige denn ein Lehrer oder eine Lehrerin allein – kann einen solchen Prozess nicht aufhalten, es bedarf der Zusammenarbeit aller Beteiligten, die den Betroffenen in verschiedenen Alltagssituationen und auch über Schulwechsel hinaus betreuen und im Blick behalten.

Wie kommt es zu Radikalisierungen? Bilals Fall ist besonders gut dokumentiert

Die von Philip Meinhold produzierte Podcast-Serie eignet sich gut, um die Schwierigkeiten nachzuvollziehen, die sich z.B. für Lehrerkollegien und Teams ergeben, wenn sie Radikalisierungen erkennen und ihnen in der eigenen Arbeit entgegenwirken wollen. Wie wurde Florent zu Bilal? Wieso radikalisierte er sich so schnell? Was hätte mehr getan werden können, um vorzubeugen und später um ihn zurückzuholen? Für alle, die sich mit Prävention von Ideologisierung und Radikalisierung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beschäftigen, ist diese Podcast-Serie eine hilfreiche Materialsammlung. Nachzuhören ist sie auf der Webseite von Radio Eins des rbb. Dort findet sich zudem ein einordnendes Interview mit Götz Nordbruch, einem der Geschäftsführer von ufuq.de, im Gespräch mit Philip Meinhold.