„AK-47, Perso und dann Munition und Granaten …“ – Wie sollen Pädagog_innen reagieren, wenn Jugendliche verdächtige Äußerungen machen?

Die Angst vor Terror wächst und viel ist von der Radikalisierung einiger Jugendlicher die Rede, der etwa in Schule und Jugendarbeit begegnet werden soll. Doch wann ist eine Äußerung oder ein bestimmtes Verhalten bedenklich? Bei aller Vorsicht warnt der Erziehungswissenschaftler Julian Ernst vor vorschnellen Schlüssen. Er hat Gruppendiskussionen von Jugendlichen zu Salafismus und Terroranschlägen untersucht und rät, den Kontext radikal wirkender Äußerungen zu berücksichtigen. Zudem sollten Pädagog_innen sich ihrer eigenen Vorannahmen bewusst sein.

Bildschirmfoto 2017-09-14 um 22.03.52Sprache und Sprechen sind in der pädagogischen Praxis zentrale Beobachtungspunkte zum „Verstehen“ Jugendlicher im weitesten Sinne. Fallen z.B. in der Peergroup bestimmte Schlagworte, wird diesen besondere Aufmerksamkeit zuteil. Kommt zum Beispiel in der Schule unter muslimischen Jugendlichen das Gewehr Typ „AK-47“ zur Sprache, ist ihnen die Aufmerksamkeit von Pädagog_innen sicher. Doch kann ein Wortfetzen bereits als Hinweis auf Radikalisierung gelten? Warum sprechen die Jugendlichen über ein Gewehr? Wie kann ich dieses Gespräch einordnen? Ist Gefahr in Verzug?

Solche Wortfetzen können zu Verunsicherungen führen. Verbalisierte Einstellungen, geschilderte Vorhaben, zu Wort gebrachte Pläne sind Momente, in denen Pädagog_innen hellhörig werden –schließlich gilt es unter Umständen, Schlimmerem zuvorzukommen. Doch worauf sollten Pädagog_innen besonders achten? Um diese Frage geht es in diesem Beitrag  und die Antwort lautet: Pädagog_innen sollten sensibel sein für den Rahmen, in den derartige Äußerungen eingebettet sind, und den eigenen spontanen Verdachtshypothesen, gerade gegenüber muslimischen Jugendlichen, selbstkritisch begegnen.

Der Artikel knüpft an die Ergebnisse meiner Examensarbeit im Fachbereich Interkulturelle Bildungsforschung der Universität zu Köln an. In diesem Rahmen habe ich beispielhaft eine Gruppendiskussion muslimischer Jugendlicher zum Stichwort „Salafismus“ untersucht. Diskutiert wurde in lockerer Runde in einem häufig besuchten Jugendtreff. Zentral für die qualitative Untersuchung sind die Fragen dazu, wie in der für die Lebensphase typischen Form der Vergemeinschaftung, der Peergroup, zum Stichwort interagiert wird, welche Themen von Bedeutung sind und welche spezifischen Funktionen der Peergroup-Konstellation deutlich werden. Bewertet wird nicht die „objektive Richtigkeit“ der Äußerungen – vielmehr werden die zugrundeliegenden „Strukturen“ des Gesagten, die Orientierungen der beteiligten Jugendlichen rekonstruiert. Entsprechend offen, sich orientierend an Leitlinien rekonstruktiver Sozialforschung (vgl. Bohnsack 2014), wurden Fragen an die Jugendlichen gestellt. Diese zielten darauf ab, ein selbstläufiges Gespräch zu initiieren. Im Folgenden werden dazu Erzählungen der Jugendlichen näher betrachtet und interpretiert, die bei Pädagog_innen u.U. die Alarmglocken klingeln lassen und zu Verdachtsmomenten führen können.

„AK-47, Perso und dann Munition und Granaten…“

Ali (20), Müjahid (20), Cemal (19) und Ömer (20) sitzen auf einer Couch in einem Jugendtreff und unterhalten sich:

Ali: Wenn ich nen Amoklauf machen würde, [würde] Ich doch nicht mit nem Perso rausgehn –  jetzt nicht, dass ich’n Amoklauf machen will. Aber niemals [würde ich] meinen Perso mitnehmen.
Müjahid: Das is komisch.
Cemal: Das gehört zu Starterpack. Zu der Bombe und so.
Ali: Glaub ich langsam auch: Starterpack AK-47, Perso und dann Munition und Granaten.

Ali macht deutlich, er selbst würde einen Anschlag, wie einen „Amoklauf“, anders planen und dann „niemals“ seinen Personalausweis bei sich tragen. Auch Müjahid erscheint es merkwürdig, dass bei einem der Attentäter des Anschlags in Paris 2015 ein Personalausweis gefunden wurde. Das sei „komisch“. Cemal teilt die Zweifel seiner Freunde und spitzt sie sprachlich zu: Der Personalausweis sei Teil eines „Starterpacks“. Dieses Bild malt Ali weiter mittels einer knappen Anreihung möglicher Inhalte eines solchen „Starterpacks“: Das Sturmgewehr Typ AK-47, gemeinläufig auch als „Kalaschnikow“ bezeichnet, Personalausweis, Munition zum Laden der Waffe sowie kompakte Sprengsätze in Form von Handgranaten – mit diesen Schlagwörtern eines Gesprächs verbindet man in der Regel nichts Positives. Gewalt, Terror und Tod sind nur eine Handvoll möglicher Assoziationen zu dieser Aufzählung. „Terrorismus für Anfänger“, könnte man meinen. Während eines solchen Gesprächs im Alltag würden pädagogische Praktiker_innen „im Vorbeigehen“ wohl bei  diesen „Signalworten“ die Ohren spitzen. Doch was hat es mit dem Personalausweis in der Reihung von Kriegsgerät auf sich? Abseits des Kriegsgeräts bedarf es eines Blickes „zwischen die Zeilen“. Kontextwissen ist nötig: Das Gespräch kreist um die Terroranschläge vom 13. November 2015 in Paris. Aufgegriffen wird eine insbesondere in sozialen Medien präsente Diskussion mit verschwörungstheoretischen Elementen, deren Hauptaugenmerk auf der möglichen Erklärung des Fundes eines Personalausweises einer der am Anschlag beteiligten Personen liegt.

Es wird zwar allerlei Kriegsgerät benannt. Dieses umfasst aber nicht das zentrale Thema des Gesprächsausschnitts. Die Reihenfolge der Ausrüstung kann hierauf einen Hinweis liefern. Das Gewehr und der thematisierte Personalausweis stehen an erster Stelle, erst „dann“ folgen Munition und Granaten. Versteht man die Aufzählung als eine nach „Wichtigkeit“ sortierte Ausrüstungsliste für Terroristen, so stellt sich die Frage: Warum sollte es für einen Terroristen wichtiger sein, einen Personalausweis in seine Tasche zu packen als Munition fürs Gewehr, das an erster Stelle angeführt wird und somit am wichtigsten ist? Die hinkende Logik der Reihung weist darauf hin, dass sich das Gesprächsthema eigentlich auf einer anderen Ebene bewegt.

Im Kontext der verschwörungstheoretischen Stories im Internet liegt die Annahme nahe, dass Müjahid, Cemal und Ali mit dem „Starterpack“ eine Persiflage, aus geteilter Sicht der Gruppe, fragwürdiger Medienbeiträge liefern. Die unlogische Reihenfolge wird als Prototyp, als „Rezept“ für zweifelhafte Berichterstattung über Terrorismus entworfen. Aus der Figur des selbstläufig, sprich ohne Eingriff des Moderators, entfalteten „Starterpacks“ kristallisiert sich eine geteilte kritisch-ironische bis ablehnende Haltung gegenüber medialer Berichterstattung über (islamistisch motivierten) Terrorismus heraus.

Die Peergroup als „ausgleichender“ Raum

Die Sequenz zeigt die Nutzung der Peergroup als „ausgleichenden“ Raum. Die Peergroup ist eine Form der Vergemeinschaftung, die sich nicht lediglich durch „Altersgleichheit“, sondern durch grundsätzliche Gleichberechtigung zwischen den Gruppenmitgliedern charakterisieren lässt (was Asymmetrien in der Interaktion nicht ausschließt). Sie ist für die Lebensphase Jugend typisch und gewinnt in dieser an sozialisatorischer Bedeutung (vgl. Hurrelmann & Quenzel 2013, S.18/ Naudascher 1978). Gegenüber anderen primären Sozialisationsinstanzen, wie der Familie und der Schule, erfüllt die Peergroup in der Jugendphase spezifische Funktionen, die man als „ausgleichend“ benennen kann (Machwirth 1999, S.260). Ausgleichend wirkt die Peergroup vor allem gegenüber der Familie als ein Raum, in dem keine etablierten Interaktionsstrukturen „ranghöherer Instanzen“ vorgefunden werden. Die grundsätzliche Gleichberechtigung unter Peers und die Nicht-Öffentlichkeit des Raums erlauben es, sich in unterschiedlichen Rollen, mit verschiedenen Verhaltensweisen auszuprobieren und auch über Themen zu sprechen, für deren Thematisierung in den alternativen Sozialisationsinstanzen wenige oder keine Möglichkeiten geboten werden. Die Peergroup ist ein Raum für „alle“ Themen, also auch solche, die als „heiß“ oder auch „heikel“ empfunden werden und u.U. zu Irritationen führen oder gar Sanktionen in anderen Instanzen evozieren könnten (vgl. Hurrelmann & Quenzel 2013, S.174/ Machwirth 1999, S.260 f.).

JulianJulian Ernst ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im EU-Forschungsprojekt CONTRA und ist im Arbeitsbereich Interkulturelle Bildungsforschung der Universität zu Köln tätig. Seine Forschungsinteressen sind Radikalisierungs- prävention, Schulforschung sowie Islam und Bildung.

„Extremismus“ kann im weitesten Sinn als Thema gelten, über das gerade muslimische Jugendliche, freilich mit individuellen Unterschieden, nicht in jedem Raum, sei es Familie, die Schule oder ggf. auch Moschee, sprechen können, ohne auf Unverständnis oder voreilige Ablehnung zu stoßen. Im Verlauf des Gesprächs mit den Jugendlichen im vorliegenden Beispiel etwa wird klar, dass diese die von ihnen besuchte Moschee/„Cami“ nicht als Raum wahrnehmen, in dem über „schwierigere“ Themen gesprochen werden kann (zu den unterschiedlichen Potenzialen von Moscheen als Bildungsräume s. für Anhaltspunkte etwa bei Rauf Ceylan 2010). Auch in der Schule wird den Jugendlichen für diese Themen kein Raum geboten. Entsprechend verlagert sich die Auseinandersetzung mit medialer Berichterstattung über islamistisch motivierten Terrorismus auf den „ausgleichend“ wirksam werdenden Rahmen der Peergroup.

Wie er mit dem Thema „Islam als Terroristenreligion“ nicht nur in den Medien, sondern auch im Alltag konfrontiert wurde, erzählt Ali folgend.

„In die Luft jagen“

„Und dann hat die Frau so übertrieben und einfach so den Islam als Terroristenreligion dargestellt  wo ich mir dann so dachte: entweder verarschst du die jetzt und tust so, als ob du die in die Luft jagen willst oder du haust der voll eine rein jetzt so – mit irgendnem Satz. Dann hab ich die einfach nur so angesprochen und auf einmal guckt die mich nur so doof an da dachte ich mir okay – mit denen kann man nicht reden.“

So äußert sich Ali gegenüber seinen Freunden. Ali berichtet von einer Begegnung mit einer Mutter und ihrer Tochter während einer Zugfahrt. Diese führen ein Gespräch zum „Islam“. Schnell soll das Wort „Terrorismus“ gefallen sein. Die beiden gelangen bei der Gleichsetzung „des Islam“ mit „Terrorismus“ „als Terroristenreligion“ an. Die Situation rekonstruierend, erklärt Ali, was ihm durch den Kopf gegangen sei. Zwischen zwei Optionen habe er abgewogen: Einerseits hätte er die beiden „verarschen“ können durch die Vorgabe, einen Sprengsatz zu zünden. Andererseits seien Prügel eine Option gewesen. Gerade die zweite Option der körperlichen Gewaltanwendung lässt Pädagog_innen aufhorchen. Doch nach kurzer Pause fügt Ali hinzu:

„[…] oder du haust der voll eine rein jetzt so mit irgendnem Satz.“

Mit „Reinhauen“ meint Ali also eine nicht näher erklärte verbale Attacke. Ebenso verbal ist die erstgenannte Reaktion der vorgegebenen Selbstsprengung. Letztlich gibt Ali an, einfach nichts weiter gesagt zu haben:

„Dann hab ich die einfach nur so angesprochen und auf einmal guckt die mich nur so doof an da dachte ich mir okay  mit denen kann man nicht reden.“

Ali hat also weder geplant, ein Selbstmordattentat zu begehen, noch ernsthaft anderweitig übergriffig zu werden. In seiner Reaktion orientiert sich Ali an friedlichen Mitteln, am Gespräch – nicht etwa an körperlicher Gewalt. Das reine Benennen von „Reinhauen“ könnte als „rhetorischer Kniff“ zur „Gesichtswahrung“ im Kontext der Peergroup gedeutet werden. Die rekonstruierte Orientierung deckt sich letztlich mit dem, was Ali angibt, tatsächlich getan zu haben. Er sucht das Gespräch – wenn auch mit ernüchterndem Ergebnis: „mit denen kann man nicht reden“.

In dieser Stelle zeigt sich, mit welcher Alltäglichkeit Ali mit Zuschreibungen bezüglich seiner religiösen Orientierung, „dem Islam“, konfrontiert ist. Bezeichnend in der Erzählung von Ali ist die Selbstverständlichkeit der Reaktion auf das Gespräch. Die Zuschreibungen von Mutter und Tochter schlicht zu ignorieren, wird nicht in Betracht gezogen. Die undifferenzierte Gleichsetzung „des Islam“, dem sich Ali zugehörig fühlt, mit „Terrorismus“ unerwidert bleiben zu lassen, ist für ihn im Gegensatz zum „in die Luft jagen“ und „reinhauen“ nicht einmal hypothetisches Gedankenspiel. Sich gegen abwertende Zuschreibungen zu behaupten – dies dokumentiert die Sequenz – ist für Ali nicht fremd. Die Selbstverständlichkeit der Behauptung zeigt zudem, wie „verletzend“ die Worte auf Ali einwirken.

Als „zwischen den Zeilen“ liegendes Thema dieses Abschnitts kann daher „der alltägliche, adäquate Umgang mit verletzenden Zuschreibungen“ gesehen werden.

Jugendlicher Umgang mit dem Verdacht des „Islamismus“

Die Darstellungen Alis verdeutlichen, wie er alltäglich, sei es in den Medien oder im persönlichen Kontakt, mit dem Thema Terrorismus bzw. Extremismus konfrontiert wird; dies gilt, wie sich im Verlauf noch zeigen wird, für die gesamte Peergroup. Die verbalen Konfrontationen erfolgen zumeist als „General-Verdächtigungen“ und werden verbal häufig eng verbunden mit einer Konstruktion von „Islam“. Das „Muslim-Sein“, welches sich im Gespräch als eine zentrale Identifikationsfigur der Jugendlichen herausschält, bzw. „der Islam“ wird konstant mit Ereignissen, Gegenständen, Konzepten des Extremismus bzw. Terrorismus in einem Atemzug genannt: „Islam als Terroristenreligion“.

Die Jugendlichen sehen sich hierdurch als bekennende Muslime im Alltag dem wiederkehrenden Verdacht ausgesetzt, radikal, extremistisch, fundamentalistisch zu sein. In Anlehnung an Bukow und Ottersbach (1999) kann man von einem „Fundamentalismusverdacht“ sprechen, der die Jugendlichen zur Rechtfertigung, zu Stellungnahmen und gewissermaßen „Gegenbeweisführung“ nötigt. Diese Verdächtigungen wirken hochgradig verletzend, wie sich in den Erzählungen untersuchten Peergroup dokumentiert.

„Wie wär’s mit Rewe hochjagen?“

Unmittelbar an Alis Bericht anschließend, erzählen Müjahid und Ömer (20), wie sie mit einer vergleichbaren Situation umgegangen sind bzw. umgehen mussten.

Müjahid: Letztens, wir wollten was kaufen. Dann standen wir an der Kasse und hinter uns waren da so alte Frauen und die haben die ganze Zeit auch über Flüchtlinge und Terrorismus geredet.
Ömer: Da schreit der „Achtung Bombe“.
Müjahid: Da hab ich da mal rumgeschrien „hey Ömer, wie wär’s mit Rewe hochjagen, ja? Das mit Paris kann ich auch nix dafür (.) dass habn meine Brüder alles in die Luft gejagt“ – das das sollte ja ein Witz sein (.) hab ich kurz so nach hinten geguckt so heimlich (.) ich seh nur Gesichtsausdruck das war das Beste (.) da sind die einfach in andere Kasse gegangen und haben da bezahlt.

In der gemeinschaftlichen Erzählung Müjahids und Ömers wird eine Situation während eines Einkaufs in einem Elektronik-Markt geschildert. Sie bekommen das Gespräch zwischen zwei „alten Frauen“ über „Flüchtlinge und Terrorismus“ mit. Ömer gibt an, während des Gesprächs „Achtung Bombe“ gerufen zu haben. Müjahid sei eingestiegen und hätte Ömer lauthals gefragt, ob sie nicht den gegenüberliegenden Supermarkt „hochjagen“ sollten. Er fügt noch hinzu, dass „Paris“ nicht seine Schuld gewesen sei und auf die Rechnung seiner „Brüder“ ginge. Die beiden Damen hätten in Folge die Kasse gewechselt.

Wie lässt sich dieser Gesprächsausschnitt deuten? Müjahid und Ömer knüpfen direkt an Alis Erzählung an. Die Jugendlichen bewegen sich, ohne dass eine nähere explizite inhaltliche Rahmung nötig wäre, in einem gemeinsamen thematischen Feld, das auf „wortwörtlicher Ebene“ durch die Verbindung von „Islam“, „Terrorismus“ und „Flüchtlinge“ begrenzt wird. Sie rufen ihre Erzählung unmittelbar ab, sie „passt“ ins Gespräch. „Flüchtlinge und Terrorismus“ scheint eine Verquickung zweier Begriffe zu sein, die als ebenso, „auch über Flüchtlinge und Terrorismus geredet“, verletzend und verdächtigend aufgefasst wird, wie die von Ali berichtete Verbindung von „Islam und Terrorismus“. Müjahid und Ömer berichten somit ebenfalls von einer erfahrenen negativen Zuschreibung. Erlebter „Fundamentalismusverdacht“ kommt hier als in der Peergroup kollektiv geteilte Erfahrung, als „konjunktiver Erfahrungsraum“ (vgl. u.a. Bohnsack 2014, S.115), zum Ausdruck.

Doch Ömer und Müjahid berichten von einer anderen Bewältigungsstrategie als Ali. Die Frage, ob Müjahid und Ömer tatsächlich diese Strategie angewandt haben, ist weder zu beurteilen, noch methodisch von unmittelbarer Wichtigkeit. Bedeutsam ist vielmehr, neben der Tatsache, dass sie eine andere Strategie vorschlagen, wie sie diese im Gespräch mit den Peers präsentieren.

Die Passage ist gespickt mit ironischen Elementen. Das von Ömer und Müjahid entworfene „Kassen-Gespräch“ karikiert durch die Öffentlichkeit und Tagtäglichkeit des Rahmens, in dem es inszeniert wird, die geäußerten „Fundamentalismusverdächtigungen“. Ebenso selbstredend wie die „alten Frauen“ über Terrorismus sprechen, unterhalten sich Ömer und Müjahid über das Thema – mit dem Unterschied, dass sie „Bombe“ und „hochjagen“ nicht im Kontext eines Bedrohungsszenarios fallen lassen, sondern im Stile des Austauschs über die Nachmittagsgestaltung. Der „Witz“ wird auch deutlich in Müjahids Pseudo-Rechtfertigung bezüglich seiner „Brüder“, sprich vermeintlicher Glaubensbrüder im Islam, bezüglich der Pariser Anschläge. Würde man die Kernaussagen der Bewältigungsstrategie in eine Frage fassen wollen, so könnte diese lauten: Glaubt ihr denn ernsthaft, wir sind Terroristen?

Subversiver Umgang mit verletzender Sprache

Worte können verletzen. Dies arbeitet Judith Butler in ihrer Studie „Haß spricht“ eindrücklich heraus. Zum Verständnis des „Verletzenden“ von Worten ist die Auffassung, dass Worte nicht lediglich Wirklichkeiten beschreiben, sondern aktiv Wirklichkeiten zu schaffen vermögen, grundlegend. Worte wirken auf Menschen ein, können sich im Menschen gewissermaßen „ablagern“ (vgl. Butler 2016, S.243). Dies trifft insbesondere auf Worte zu, die abwerten, negativ zuschreiben und hierdurch verletzen. Butler beschreibt jedoch nicht nur die eigentliche Verletzung durch Worte; sie thematisiert ebenso den Umgang mit erfahrenen Verletzungen. Menschen, die Verletzungen durch Worte erfahren, bilden Strategien aus, Worte ihrer verletzenden Wirkung zu berauben. Geschehen kann dies durch die Aneignung und den Gebrauch eben dieser vormals verletzenden Worte. Dieser Vorgang der Bedeutungsveränderung von Worten durch Kontextveränderung, „Resignifikation“ (vgl. Butler 2016, S.150 f.), bezeichnet Butler als „subversiv“ (vgl. u.a. Butler 2016, S.226).

Die beschriebene subversive Strategie spiegelt sich in der Erzählung von Müjahid und Ömer wider. Sie präsentieren die Strategie, sich genau der Worte zu bedienen, durch die sie sich als unter „Fundamentalismusverdacht“ gestellt sehen. „Bombe“ und „hochjagen“ entlehnen sie dem verletzenden Topos mit dem sie konfrontiert werden und reden mit diesen Worten förmlich gegen die erfahrene Zuschreibung an. Die Ironie, der „Witz“, bringt nicht nur die Distanz Müjahid und Ömers zum Gesagten zum Ausdruck, sondern unterstreicht auch die Absurdität, mit der sie die Verdächtigungen bewerten. Der Umstand, dass die „alten Frauen“ in der Erzählung die Kasse wechseln, kann als Beleg dafür angesehen werden, dass Ömer und Müjahid ihren Worten, als „Instrument des Widerstands“ (vgl. Butler 2016, S.254), Wirksamkeit zusprechen. Zugleich bestätigen sich in der Reaktion der „alten Frauen“ „Fundamentalismusverdächtigungen“ im Alltag wieder als kollektiv geteilte Erfahrung.

Sie reden zwar über Terror und Gewalt – ihr Thema ist aber etwas anderes

Nach der Interpretation der vorgestellten Sequenzen sollte deutlich geworden sein, dass in den Gesprächsabschnitten zwar Schlagworte fallen, die Assoziationen mit Gewalt, Terror und Tod hervorrufen, diese aber nie wirkliches Thema in der Peergroup sind. Die Jugendlichen beschreiben indirekt eine gänzlich andere Gefahr, deren Bedeutung insbesondere für Pädagog_innen relevant ist: In den Medien und im Alltag erfahrene negative Zuschreibungen, Abwertungen und Diskriminierungserfahrungen, verletzende Worte und „Fundamentalismusverdächtigungen“ werden zum Thema gemacht. Insbesondere die selbstläufig aufeinander folgenden Berichte von Ali, Müjahid und Ömer, aber auch die interaktiv entfaltete Medienkritik, verdeutlichen, wie alltäglich die Konfrontation mit verletzenden Zuschreibungen für die Jugendlichen ist. Alle Mitglieder der Peergroup teilen diese Erfahrungen, in jeder der dargestellten Sequenzen wird sich auf einen „gemeinsamen Erfahrungsraum“ (Bohnsack) erfahrener Abwertungen und Verletzungen im Kontext der religiösen Identifikation mit „dem Islam“ bezogen. Diese geteilten Erfahrungen „durchziehen“ und „strukturieren“ die Redebeiträge der Jugendlichen. Die selbstverständliche Notwendigkeit der Reaktion auf die in den Erzählungen der Jugendlichen geschilderten Gespräche verdeutlicht, dass sich die Jugendlichen gegen die ihnen entgegengebrachten Zuschreibungen behaupten müssen. In anderen Worten: Die Jugendlichen werden durch die in den Gesprächen vorgenommenen abwertenden Zuschreibungen und Gleichsetzungen „verletzt“ und müssen mit dieser Situation umgehen.

Eine Strategie zum Umgang mit den erfahrenen Verletzungen ist die Beratung von und durch Peers, die aktive Nutzung der Peergroup als Ressource, aufgrund geteilter Erfahrungen und sicher auch mangels Alternative. Im Rahmen der Strategieberatung zur adäquaten Reaktion auf „Fundamentalismusverdächtigungen“ wird die Strategie der „Resignifikation“, der subversiven Aneignung verletzender Worte besprochen. Die Anwendung genau dieser Strategie bringt Worte und Begrifflichkeiten an die Oberfläche, die verdächtig, als Hinweis auf „Fundamentalismus“ oder auf Radikalisierung, wirken können. Im Falle des untersuchten Gesprächs sind „AK-47“, „in die Luft jagen“ und „zünden“ aber Ausdruck der Verarbeitung und subversiven Aneignung von „Fundamentalismusverdächtigungen“ im spezifischen Kontext der Peergroup.

Es gilt, genau zuzuhören und den Kontext der Aussagen zu beachten

Die vorgenommenen Interpretationen der Gesprächsabschnitte sind holzschnittartig, erheben keinen Anspruch auf „Vollständigkeit“ oder „Wahrheit“. Die vorgestellten Rekonstruktionen möchten eher beispielhaft als „Interpretations-Angebote“ für die Arbeit mit solchen Jugendlichen verstanden werden. Referiert wird in den Interpretationen auf fundierte theoretische Vorstellungen und Konzepte, vor deren Hintergrund die Gesprächssituationen „verstehend“ erschlossen werden können.

Mit diesem Artikel soll auch nicht etwa zu verminderter Aufmerksamkeit aufgerufen werden. Mit Jugendlichen im Gespräch zu bleiben – auch, um Radikalisierung im Zweifelsfall erkennen zu können –  ist notwendig. Die vorgestellten Interpretationen sollen anregen, die Worte und Erzählungen Jugendlicher ernst zu nehmen – in all ihren lebensweltlichen Zusammenhängen. Die Ausdrücke, die im Gespräch der näher betrachteten Peergroup fallen, können „verdächtig“ erscheinen, interpretiert man sie oberflächlich und unter Ausblendung des Kontextes, in dem sie gefallen sind. In der Peergroup werden nicht nur abweichende Verhaltensweisen erlernt oder Radikalisierungsprozesse „vollzogen“. In erster Linie ist die Peergroup eine für die Jugendphase zentrale Ressource des Austauschs auch über solche Themen, die belasten oder als „heiß“ gelten und anderswo nicht adäquat besprochen werden können.

Im Falle eines „Verdachtsmoments“ könnten sich Pädagog_innen, spitz formuliert, einem reflexiven „Eigenverdacht“ stellen, etwa in Form dreier Fragen: Sehe ich die Jugendlichen als Mitglieder einer Peergroup? Berücksichtige ich meine Vorurteile oder presse ich die Jugendlichen quasi durch ein „religiös-fundamentalistisch sensibles Filter“ (vgl. Bukow & Ottersbach 1999, S.13 f.)? Und kann ich es in Kauf nehmen, die Jugendlichen mit einer Verdachtsäußerung zu „verletzen“?

Wenn diese drei Fragen eindeutig mit Ja zu beantworten sind, sollten Pädagog_innen tatsächlich hellhörig werden, wenn das Schlagwort „AK-47“ in der Peergroup fällt.

Literatur

Bohnsack, Ralf (2014): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, Verlag Barbara Budrich, Opladen und Toronto.

Bukow, Wolf-Dietrich; Ottersbach, Markus (1999): Der Fundamentalismusverdacht. Einige einleitende Bemerkungen. In: Bukow, Wolf-Dietrich; Ottersbach, Markus (Hrsg.): Fundamentalismusverdacht. Plädoyer für eine Neuorientierung der Forschung im Umgang mit allochtonen Jugendlichen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 11-18.

Butler, Judith (2016): Haß spricht. Zur Politik des Performativen, Suhrkamp Verlag, Berlin.

Ceylan, Rauf (2010): Die Prediger des Islam. Imame- wer sie sind und was sie wirklich wollen. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn.

Hurrelmann, Klaus, Quenzel, Gudrun (2013): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, Beltz Juventa, Weinheim.

Machwirth, Eckart (1999): Die Gleichaltrigengruppe (peer-group) der Kinder und Jugendlichen. In: Schäfer, Bernhard (Hrsg.): Einführung in die Gruppensoziologie. Geschichte, Theorien, Analysen, Quelle & Meyer, Wiesbaden, S. 248-268.

Naudascher, Brigitte (1978): Jugend und Peer Group. Die pädagogische Bedeutung der Gleichaltrigen im Alter von zwölf bis sechszehn Jahren. Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn Oberbayern.