ADAS – Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen in Berlin

Die Schule ist kein diskriminierungsfreier Raum. Das stellen wir immer wieder in unseren Workshops fest, in denen uns Jugendliche von ihren Erfahrungen erzählen. Vor allem wegen des Machtgefälles zwischen Lehrenden und Schüler_innen, fühlen sich Schüler_innen oft nicht ermächtigt genug, sich gegen Diskriminierung zu positionieren. Das ist einer der Gründe, warum das Modellprojekt Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen (ADAS) seit 2015, Schüler_innen, aber auch anderen Akteur_innen innerhalb der Schule die Möglichkeit bietet sich bei Diskriminierungsfällen an der Schule Hilfe und Beratung zu holen. Hier können Betroffene Diskriminierung melden, einfach darüber sprechen, oder dagegen vorgehen. Außerdem erarbeitet ADAS im Rahmen eines Clearingverfahrens zusammen mit anderen Akteur_innen einen Handlungsleitfaden für eine diskriminierungssensible Praxis an Schulen. Aliyeh Yegane und Amine Taşdan haben ufuq.de-Mitarbeiterin Aylin Yavaş erzählt, wie ihre Arbeit aussieht.

Was ist ADAS?

Aliyeh Yegane: ADAS ist eine modellhafte, unabhängige Anlaufstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen – für alle, die sich von Diskriminierung betroffen fühlen: Schüler_innen, Eltern aber auch Lehrkräfte – das ist ein Arbeitsbereich. Im zweiten Arbeitsbereich geben wir Schulen auf Grundlage unserer Erfahrungen und in Kooperation mit der Schulaufsicht in Neukölln Empfehlungen und Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Diskriminierung in der Schule. Dafür entwickeln einen Leitfaden. Unser Ziel ist, dass wir am Ende genügend praktische Erfahrung gesammelt haben, um die politische Diskussion über die Einrichtung einer permanenten Beschwerdestelle bestehen zu können.  Wir sind da ganz optimistisch, denn eine solche ist im Koalitionsvertrag enthalten.

Was ist denn der Unterschied zwischen einer unabhängigen Beschwerdestelle und einer schulinternen Stelle, wie bspw. einem Schulsozialarbeiter?

Aliyeh Yegane: Es gibt eigentlich ein System wie an Schulen mit Konflikten umgegangen wird, zum Beispiel durch Vertrauenslehrer_innen. Unserer Arbeit beruht auf der Grundannahme, dass dieses System meistens nicht funktioniert, wenn es um Diskriminierung geht. Das liegt daran, dass die Betroffenen kein Vertrauen in dieses System haben. Als unabhängige Stelle sehen wir auch, wenn an einer Schule immer wieder bestimmte Formen von Diskriminierung auftauchen und können empfehlen, dass die Schule das als Teil der Schulentwicklung aufnimmt.

Unabhängig zu sein bedeutet aber auch, dass wir nicht unter Druck stehen, wenn wir beraten. Auf der anderen Seite haben wir deswegen aber auch keine Sanktionierungsmöglichekeiten. Da müssen wir Wege finden, wie wir trotzdem wirksam arbeiten können, aber es sind noch viele Fragen offen. Welche institutionellen Sanktionierungsmöglichkeiten kann es geben? Wie kann Diskriminierungsschutz besser im Gesetz verankert werden? Wie können Betroffene erreicht werden? Hierzu wollen wir am Ende der Projektlaufzeit auf Grundlage unserer Erfahrungen Empfehlungen abgeben. Das Ziel ist es aber letztendlich einen Beitrag zu einem wirksamen Diskriminierungsschutz auf allen Ebenen zu leisten, das heißt: Gesetzeslücken schließen.

Welche Lücken gibt es denn?

UnbenanntAliyeh Yegane: Es gilt der Diskiminierungsschutz des Grundgesetzes. Darüber hinaus gibt es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das ist die Umsetzung mehrerer europäischer Richtlinien. Das ist gilt aber nicht für den Schulbereich. So fehlen Konkretisierungen, vor allem Beschwerdemöglichkeiten, wie sie im AGG vorgesehen sind. Auch eine klarere Definition von Diskriminierung, die sich momentan nicht ohne weiteres auf den Schulbereich anwenden lässt, ist eine solche Lücke.

Aliyeh, du hattest Sanktionierungsmöglichkeiten angesprochen…

Aliyeh Yegane: Es gibt natürlich die gängige Verfahren, wie eine Dienstaufsichtsbeschwerde…

Amine Taşdan: Wenn die Betroffenen herkommen, überlegen wirgemeinsam, welche Wege sie bevorzugen. Wir begleiten sie zu Gesprächen mit der Schulleitung und den Lehrenden, wir versuchen dann situationsbedingt eine Lösung zu finden. Wenn wir sehen, dass die Betroffenen rechtliche Beratung oder zum Beispiel einen Sensibilisierungsworkshop wollen, dann verweisen wir auf andere Stellen. Wir versuchen also individuell Lösungsstrategien zu finden.

Aliyeh Yegane: Häufig sind das das sehr komplexe Fälle, sodass es erstmal um eine Lösung der Konflikte geht. Ein Beispiel sind die sonderpädagogischen Fördermaßnahmen, wo die Diskriminierung nur ein Teil ist. Der ganze Fall ist vielleicht erstmal gar nicht erkenntlich als Diskriminierungsfall, aber sie spielt irgendwie eine Rolle: Wenn eine solche Maßnahme beantragt wird, ist ganz wichtig, dass die Eltern verstehen, wie das ganze Verfahren abläuft und was sie unterschreiben. Das ist aufgrund von sprachlichen Barrieren oft nicht sichergestellt, hier werden kaum Sprachmittler bereitgestellt, vielmehr hängt das vom Engagement der einzelnen Lehrkräfte ab. Das heißt, hier gibt es auch eine strukturelle Ebene.

Amine Taşdan: Oft gibt es erst eine_n Sprachmittler_in, wenn die Lehrkräfte selbst den Eindruck haben, dass das nötig ist, aber manchmal ist es schwer einzuschätzen, wie viel die Eltern verstehen. Dazu kommt natürlich, dass viele Eltern das System nicht kennen, weil sie hier selbst nicht zur Schule gegangen sind.

Aliyeh Yegane: Sprachprobleme sind auch ein Grund, warum viele Fälle nicht gemeldet werden: Manchmal ist Diskriminierung gar kein Begriff Viele Eltern haben Sorge, dass ihr Kind Nachteile davon hat, wenn sie sich beschweren.
Das versuchen wir mit den Betroffenen erstmal rauszuarbeiten und versuchen ihrem Gefühl diskriminiert werden, eine Stimme zu geben.

Wenn dieser Schritt geschafft ist: Wie geht es dann weiter?

Amine Taşdan: In der Beratung kommt es darauf an, was die oder der Betroffene möchte. Es gibt Ratsuchende, die sich gegen eine Intervention entscheiden; aus Angst vor den Reaktionen ihrer Klasse oder der Schule Es gibt aber auch zum Beispiel Eltern, die das Gespräch mit der Schule suchen und unsere Unterstützung wollen, weil sie uns als neutrale Partei von außen zur Lösungsfindung reinholen wollen. Im Gespräch schauen wir dann, wo eigentlich das Problem ist, warum bisher keine Lösung gefunden wurde und was es für Alternativen und Kompromisse gibt. Und dann geben wir eine Empfehlung.

Aliyeh Yegane: Wenn darüber hinaus noch Schritte gewünscht sind, sich vielleicht doch rechtlich beraten zu lassen, dann vermitteln und begleiten wir auch. Wichtig ist dabei, dass die Kontrolle bei den Ratsuchenden bleibt. Es passiert nur, was sie möchten.

Amine Taşdan: Wir werden alle Fälle anonym dokumentieren: Ziel ist, die Diskriminierung an Schulen auch mit Zahlen belegen zu können.

Wird euer Angebot denn angenommen?

Aliyeh Yegane: Die Hürde etwas zu melden ist sehr groß. Wir arbeiten derzeit daran, Fälle von Diskriminierung zu dokumentieren und mit Zahlen zu belegen. Das soll dazu beitragen, die unterschiedlichen Formen von Diskriminierung sichtbar zu machen und darauf hinzuweisen, dass Diskriminierung nicht immer sofort ersichtlich ist.

Sind die Unklarheiten über den Diskriminierungsbegriff auch einer der Melde-Hürden, die ihr momentan erlebt? Ich kann mir vorstellen, dass zum Beispiel Klassismus als eine Form von Diskriminierung an Schulen gar nicht so bekannt ist. Bei wem seht ihr die Aufgabe hierfür zu sensibleren, sodass sich Schüler_innen überhaupt darüber bewusstwerden, was alles unter Diskriminierung fällt?

Aliyeh Yegane: Wir haben in diesem Thema sehr stark mit Multiplikator_innen gearbeitet, die in diesem Bereich Workshops machen und an Schulen sind und auf uns verweisen können. Empowerment ist hier ein ganz wichtiger Punkt: Dazu gehören verschiedene Dimensionen, erstmal die Erkenntnis darüber, dass das Erlebte nicht okay ist und nichts mit einem selbst zu tun hat. Dann geht es auch darum zu erkennen, dass es sich um eine Diskriminierung handelt und Wissen darüber zu vermitteln, wo Menschen Hilfe bekommen können. Uns ist ganz wichtig, dass die Betroffenen keinen Schaden davon haben, wenn sie Unterstützung suchen. Das gilt aber auch für Unterstützer_innen, wie Schulsozialarbeiter_innen oder Bildungsorganisationen, die eventuell Probleme bekommen können, wenn sie die Schule, die letztlich ihr Partner ist, melden.

Gerade weil die Wahrnehmungen darüber, was Diskriminierung ist, sehr unterschiedlich sind und es keine klaren Regelungen über Einzelfälle gibt, entwickeln wir im Rahmen des partizipativen Clearing Verfahrens den Handlungsleitfaden und auch eine gemeinsame Grundlage eines Diskriminierungsbegriffes, der unterschiedliche Betroffenheiten berücksichtigt. Hier arbeiten wir eng mit der der Schulaufsicht in Neukölln, Vertreter_innen von Kampagnen, zivilgesellschaftlichen Akteur_innen, Lehrer_innen, Schüler_innen zusammen. Wir haben genau geguckt, dass alle Perspektiven vertreten sind und verschiedene Diskriminierungsformen durch eine Selbstperspektive vertreten sind.

Wie kann man sich bei euch melden?

Aliyeh Yegane: Wir haben eine kostenlose Hotline: 0800 724 50 67. Auch über die Website oder per E-Mail kann man uns erreichen, wenn man in der Schule diskriminiert wird oder auch erstmal nur die Vermutung da ist. Nach der Kontaktaufnahme machen wir einen Beratungstermin aus und ganz wichtig ist, dass die Betroffenen selbst – Schüler_innen, Eltern, Lehrende oder auch anderer Personen im Schulkontext – entscheiden, wann und ob wir noch weitere Schritte gehen und dass wir zu allen Formen der Diskriminierung beraten.